Von Ausgleichsflächen, Flächenpools und Ökokonten

8. März 2019 15:00

Bauvorhaben wie neue Schienentrassen und Straßen oder die Erschließung von Wohn- und Gewerbegebieten stellen Eingriffe in den Naturhaushalt dar, die in der Regel entsprechend den Paragrafen 14 bis 16 des deutschen  Naturschutzgesetzes1 ausgeglichen werden müssen. In der Vergangenheit sind entsprechende Kompensationsmaßnahmen häufig als  Aufforstungen gestaltet worden. Die seinerzeit zwischen Köln und Frankfurt neu erstellte ICE-Trasse oder der Bau der Startbahn West in Frankfurt2 sind Beispiel dafür. 

Aus Sicht der Landwirtschaft wie auch aus Sicht des Naturschutzes bewirkt eine solche Vorgehensweise jedoch einen mehrfachen Verlust und ist damit kontraproduktiv. Einerseits verliert die Landwirtschaft Flächen zuerst durch die Baumaßnahme selbst – und dann nochmals in gleichem Umfang durch die Kompensationsmaßnahme. Andererseits ist mit einer Aufforstung oft auch ein Rückgang der regionalen Artenvielfalt verbunden, da Tier- und Pflanzenarten des Offenlands in aufgeforsteten Gebieten ihren Lebensraum verlieren.

Vor diesem Hintergrund machen Ansätze wie die produktionsintegrierten Kompensationsmaßnahmen in der Trägerschaft der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft in NRW3 besonderen Sinn: Hier ist die Landwirtschaft nicht nur ein Betroffener des Wechselspiels von Eingriffen Dritter und deshalb erforderlichen Ausgleichsmaßnahmen. Stattdessen eröffnen die Landwirte neue Lösungen, die das Offenland erhalten, den erforderlichen Ausgleich schaffen und darüber hinaus naturschutzfachlich deutlich wertvoller sind, als dies eine übliche Aufforstung sein könnte.

 

So setzt die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft als Maßnahmenträger auf die Bildung von Flächenpools: Sie sucht also Landwirte, die bereit sind, Teilflächen ihres Betriebs langfristig als honorierte Naturschutzareale im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Das können beispielsweise Randzonen entlang von Gewässern sein, zur Vernässung neigende Bereiche von Flächen oder auch ertragsschwache „Ecken“ größerer Schläge.

Der Vorteil: Die Flächen bleiben dauerhaft in der Hand der Landwirte und als Offenland erhalten. Bei Bedarf können auf diesen Vorratsflächen dann geeignete Maßnahmen wie etwa die Anlage insektenfreundlicher Blühstreifen umgesetzt werden. Wenn solche naturschutzfachlichen Maßnahmen bereits vor einem ausgleichspflichtigen Eingriff erfolgen, werden dafür Ökopunkte auf einem sogenannten Ökokonto gutgeschrieben. Mit diesem Flächenpool werden die Grundlagen geschaffen und mit den Ökopunkten Vorleistungen erbracht, die später zum Ausgleich herangezogen werden können. In NRW koordiniert die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft die Umsetzung der Maßnahmen, die Pflege der Flächen und die Verwaltung der Ökokonten.

 

Die Motivation für die Honorierung von Ausgleichsflächen über Ökopunkte und Ökokonten ist leicht nachvollziehbar: Wenn Eingriffe und damit verbundene Flächenverluste schon nicht verhindert werden können, dann sollen sie wenigstens so ausgeglichen werden, dass Natur- und Artenschutz wirklich davon profitieren. Und: Dies soll nicht zulasten betroffener Landwirte gehen. Die Erfahrungen aus NRW zeigen, dass heimische Arten die von den Landwirten angelegten und gepflegten Strukturen sehr gut annehmen. Schon in kürzester Zeit sind positive Wirkungen erkennbar. Damit sind diese Ausgleichsmaßnahmen in und mit der Landwirtschaft ein gelungenes Beispiel dafür, wie innovatives Denken zu nachhaltigen Lösungen führt, statt Flächen standardmäßig und ohne besonderen naturschutzfachlichen Wert aufzuforsten.

»Da ist der Ökopunkt schon mal für 70 Cent weggegangen, aber auch für zwei Euro.«

Interessant ist auch: Wer über Ökopunkte verfügt, kann sie verkaufen, muss es aber nicht. Auch der Preis ist Verhandlungssache zwischen Käufer und Verkäufer und variiert kräftig. „Das ist frei verhandelbar“, sagt Uwe Waschke von der Stadt Attendorn, „da ist der Ökopunkt schon mal für 70 Cent weggegangen, aber auch für zwei Euro“, heißt es in einem Beitrag in www.derwesten.de.4 Ein solcher „Ökopunkte-Handel“ ist aus rechtlicher Sicht übrigens auch überregional etwa im gesamten Gebiet von NRW möglich!

Weitere Informationen zu Flächenagenturen, Poolträgern sowie weiteren Unterstützern des Konzepts „Flächenpool“ bzw. „Ökokonto“ in den einzelnen Bundesländern finden sich beim Bundesverband der Flächenagenturen e. V.5, und beispielhafte Arbeitshilfen des Landesbetriebs Straßenbau NRW zur Umsetzung sind hier verfügbar.6

 

1 https://www.gesetze-im-internet.de/bnatschg_2009/BJNR254210009.html
2 http://www.fr.de/rhein-main/dossier/spezials/fraport-erwirbt-mehrere-landgueter-zum-aufforsten-a-1197263
https://www.rheinische-kulturlandschaft.de/themen-projekte/eingriff_und_kompensation/oekokonten-und-flaechenpools/
https://www.derwesten.de/staedte/nachrichten-aus-attendorn-und-finnentrop/wohl-dem-der-beim-kreis-ein-oekopunkte-konto-hat-id10447639.html
https://www.verband-flaechenagenturen.de/%C3%BCber-uns/
https://www.strassen.nrw.de/files/oe/umwelt/pub/pik/161124-arbeitshilfe-pik-ohne-massnahmenblatt-002.pdf

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 08. März