Digital zu mehr Tierwohl!

31. August 2018 09:05

Digital zu mehr Tierwohl? Aber ja!

Auch wenn technische Lösungen auf manche Mitbürger kalt und naturfern wirken, wenn sie auf den ersten Blick nichts mit Emotionen oder einer Bindung zum Tier zu tun haben: Digitale Ansätze können sehr wohl mehr Tierwohl ermöglichen.

Dabei sind zwei Einschränkungen wichtig:

Hinter aller digitalen Technik braucht es den verantwortlich handelnden Menschen, der die Flut der digitalen Daten sichtet, sortiert, interpretiert, dokumentiert – und dann entsprechend agiert. Der Nutzen der Technik für das Tier bedarf zugleich aber auch einer intensiven Kommunikation mit der Gesellschaft, denn nur so wird die aus gutem Grund fortschreitende Digitalisierung im Stall auch gesellschaftliche Akzeptanz finden.

Dass die Digitalisierungswelle in der Landwirtschaft bereits richtig rollt, lässt sich unschwer an dem Leitthema „Digital Animal Farming“ der diesjährigen Eurotier erkennen. Dabei besteht weitgehende Einigkeit dazu, dass Tierwohl und Gesundheit der Tiere unmittelbar zusammenhängen. Vor diesem Hintergrund geht es der DLG bei „Digital Animal Farming“ um eine ganzheitliche Herangehensweise: Das Leitthema der Eurotier verleihe der Tiergesundheit den gleichen Stellenwert wie etwa dem betrieblichen Management und der für die Lebensmittelkette notwendigen Transparenz, berichtet Dr. Karl Schlösser, Projektleiter der weltweiten Fachmesse.

Der Blick in einen modernen Milchviehstall macht deutlich, wie weit Digitalisierung heute bereits geht oder gehen kann: Da werden Bewegungsprofile und Fressverhalten der einzelnen Milchkühe erfasst, Milchmengen und Milchinhaltsstoffe bei jedem Melken automatisch analysiert – und die Daten im großen Datenpool abgelegt. Über Boli lassen sich selbst Vorgänge im Pansen der Kühe digital erfassen und zur Überwachung verschiedener Parameter nutzen.

Genau hier ist die entscheidende Ansatzstelle, wenn das tatsächlich zu mehr Tierwohl führen soll: Zunächst „erkennt“ nämlich nur der Computer, wenn Daten plötzlich von der Norm abweichen. Bei dem ersten notwendigen Schritt, dem Herausfiltern von Auffälligkeiten, hilft also die digitale Technik. Wenn die richtig konfiguriert ist, erledigt sie das schneller und sicherer als selbst langjährige Melker, die mit den Kühen ihrer Herde auf Du und Du sind. Im nächsten Schritt braucht es aber den geschulten und verantwortungsbewussten Tierhalter.

Beispiel Ketose:

Als gefürchtete Stoffwechselstörung von Milchkühen kurz vor oder nach dem Abkalben wurde die Ketose im vordigitalen Zeitalteretwa über Urin-Teststäbchen diagnostiziert. Das einzelne Teststäbchen ließ allerdings Raum zur Interpretation und damit zur Ungenauigkeit.
Im digitalen Zeitalter ermöglichteinentsprechendes Messgerät mit einem Teststreifen anhand von einem Tropfen Blut sofort und zuverlässig eine Aussage. Die bezieht sich zwar auch nur auf eine Kuh, die Erfassung der Ergebnisse im digitalen Herdenmanagement des Betriebs zeigt dann aber auf einen Blick, ob die Störung nur vereinzelt oder gegebenenfalls vermehrt auftritt – und gibt so entscheidende Hinweise für den Tierhalter.

Immer wieder rückt also der Mensch hinter der Digitalisierung in den Blick: Nur wenn er die Daten richtig nutzt, bringt Digitalisierung tatsächlich mehr Tierwohl. Dann sollte sie aber auch als klarer Vorteil kommuniziert werden: Sei es bei Kontrollen in der Lebensmittelkette oder im Gesprächmit kritischen Verbrauchern, die gerne wüssten, wie ein rationales technologisches Instrument bei einem emotional geprägten Thema zum gewünschten Ergebnis führen kann.

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 31. August