Herausforderungen & Chancen der Digitalisierung des Handels

1. Februar 2018 10:10

Entwicklungen, die sich in Industrie und landwirtschaftlicher Praxis vollziehen und gerne mit dem Attribut 4.0 versehen werden, machen auch vor dem Agrarhandel nicht Halt.

So kommt das, was bislang bei dem „Landhändler um die Ecke“ bezogen wird, morgen wohl vielfach schon „aus digitaler Hand“. Hubertus Paetow, designierter Nachfolger von DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer, ist sich sicher: „Betriebsmitteleinkauf und auch Getreidehandel wird in den nächsten zehn Jahren auf vielen Betrieben online gemacht.“  Mit dieser Einschätzung ist Paetow nicht allein. Das wurde bei dem Kongress Farm & Food 4.0 am 22. Januar in Berlin deutlich, bei dem unter anderem Tendenzen bei Smart Farming, digitale Prozesse in der Lebensmittelwirtschaft und eben auch der Handel 4.0 unter die Lupe genommen wurden.

Bei der Veranstaltung wurde einmal mehr spürbar, dass sich der Agrarhandel aufgrund der Digitalisierung bereits mitten in einem Veränderungsprozess befindet. „Handel im Wandel: Digitalisierung des Handelsprozesses im Agrarbereich“ sei damit einerseits eine Herausforderung, andererseits aber in der Realität der Unternehmen schon heute angekommen.

 

Eine entscheidende Frage bei der Diskussion: Läutet der Einstieg in den Onlinehandel den Ausstieg aus dem bisherigen Handelsgeschäft ein, oder sollte der Onlinehandel als natürliche Weiterentwicklung und Ergänzung der bislang üblichen Vertriebsformen verstanden und genutzt werden? „Was möchte der Kunde?“ Mit dieser Frage müsse sich der Agrarhandel befassen, um die weitere Digitalisierung bedarfsgerecht gestalten zu können. Dabei hätten Startups zumeist den Vorteil, flexibler zu sein und damit den Bedürfnissen der Verbraucher nach Transparenz und Information eher nachkommen zu können, so eine Meinung.

 

Ebenso wurde betont, dass Landwirtschaft eben nicht völlig digitalisierbar sei: „Weizen wachse nun einmal auf dem Acker und nicht in der Cloud“. Neben aller Offenheit für aktuelle Entwicklungen bleibe deshalb auch das Tagesgeschäft wichtig, bei dem eher Gummistiefel als digitale Vertriebswege eine Rolle spielten.

Weitgehende Einigkeit bestand dazu, dass sich die Unternehmen mehr und mehr vom Agrarhändler zum Agrardienstleister verändern. Dabei biete die Digitalisierung durchaus auch Chancen zur Kostenoptimierung und Effizienzsteigerung. Neben dem Mut zur Veränderung brauche es aber ebenso das Bekenntnis zu bestehenden Unternehmenswerten. Bei den notwendigen weiteren Schritten in Richtung Digitalisierung dürften deshalb die bisherigen Hausaufgaben nicht vergessen werden, lautete ein Plädoyer für eine Entwicklung mit Augenmaß.

Mit einem einfachen E-Commerce (Elektronischer Handel) Angebot ist es bei der anstehenden Entwicklung aber nicht getan, denn ein einfaches Shopsystem kann nicht alle Funktionen bieten, die im komplexen Landhandel erforderlich sind. So spielt bei einigen Produkten bzw. Produktkategorien beispielsweise die Beratung eine wichtige Rolle. Auch darf die Beziehung zwischen Landwirt und Landhändler nicht unterschätzt werden. Der entscheidende Faktor für eine erfolgreiche Digitalisierung des Landhandels ist deshalb, die Funktionen auf eine digitale Ebene zu übertragen, die der „Landhandel um die Ecke“ bislang erfüllt.

Der Trend zum Handel 4.0 wurde in Berlin klar erkennbar. Diskussionen und Veranstaltungen wie diese machen deutlich: Das Thema ist aktueller denn je und offensichtlich auch den Landwirten und Landhändlern ein großes Anliegen.

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 01. Februar