Digitalisierung: Chance für Nebenerwerbsbetriebe?

29. Juni 2018 10:35

Der Situationsbericht 2016/17 des Deutschen Bauernverbandes (DBV) macht es deutlich: Bundesweit werden 52 Prozent der landwirtschaftlichen Einzelunternehmen im Nebenerwerb geführt; sie bewirtschaften 25 Prozent der Fläche. Mit 69 Prozent der Betriebe und 41 Prozent der Fläche ist Hessen „Nebenerwerbsmeister“, während die Bundesländer Niedersachsen (38 % bzw.14 %) und Schleswig-Holstein mit 37 Prozent (Betriebe) und 18 Prozent (Fläche) den geringsten Anteil von Nebenerwerbsbetrieben aufweisen. (1)

Nebenerwerb bedeutet: Wo die Kolleginnen und Kollegen von der Arbeit nach Hause fahren und ihren Hobbies oder dem Feierabendbier frönen, beginnt für Landwirte im Nebenerwerb oft der zweite Arbeitsalltag. Und die Anforderungen an Betriebsleiter im Nebenerwerb sind hoch: Gesetzen und Verordnungen ist nämlich egal, ob sich jemand damit im Hauptberuf oder nebenberuflich befasst ...

Genauso stellen Investitionen in Technik für Betriebe im Nebenerwerb oft eine Gradwanderung dar: Rechnet sich der eigene Traktor, die Ballenpresse, der Rübenroder? Und wie ist es mit dem Einkauf von Betriebsmitteln, mit Informationen, Preisvergleichen und Beratung? Woher die Zeit nehmen, um sich auch darum noch zu kümmern?

Vor diesem Hintergrund macht der Situationsbericht 2016/17 des DBV einerseits deutlich, dass die Digitalisierungsfortschritte in der Landwirtschaft angekommen sind und fast jeder fünfte Landwirtschaftsbetrieb bereits Industrie 4.0-Anwendungen nutzt. Andererseits wird erkennbar, dass hier ein klares Gefälle besteht, denn in Betrieben über 100 Hektar ist es schon jeder Dritte, der die modernen Anwendungen nutzt (2). Das aber bedeutet im Umkehrschluss, dass die Quote bei den kleineren – und damit in der Regel wohl auch bei den Nebenerwerbsbetrieben – geringer ist.

Dabei eröffnen sich doch gerade hier vielfältige Möglichkeiten, Zeit und Geld zu sparen. Der Agrarhandel 4.0 ist da nur ein denkbarer Ansatz: Online, von zu Hause oder unterwegs Preise und Produkte vergleichen, die besten Lieferkonditionen suchen – und bestellen: Was mit dem Pizzadienst funktioniert, läuft im „digitalen Zeitalter“ auch für landwirtschaftliche Betriebe besser, schneller und zeitlich flexibler als je zuvor – und macht die neuen Wege damit eben auch für im Nebenerwerb geführte Betriebe interessant.

Neben den Einsparungen bei dem Einkauf von Betriebsmitteln sind auch Dokumentationspflichten auf den modernen Wegen einfacher, sicherer und zeitsparender zu erledigen: Das gilt bei der Applikation von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, bei Sorte, Saat und Ernte, bei Einkauf und Nutzung von Futtermitteln oder auch bei der Vermarktung der erzeugten pflanzlichen und tierischen Produkte.

Kleinere Betriebe stoßen bei den Investitionen in moderne Techniken an klare wirtschaftliche Grenzen. Sie können aber dennoch von der Landwirtschaft 4.0 profitieren – und zwar u. a. mit der Auswahl des beauftragten Lohnunternehmens, das die moderne Technik mitbringt. Auch für Nebenerwerbsbetriebe können die Daten so einfach und schnell für die eigene Dokumentation – Stichwort etwa Düngeverordnung – bereitgestellt und genutzt werden. Das spart Arbeitszeit, vermeidet Fehler, schafft Sicherheit und Ruhe.

Damit lassen sich die modernen Möglichkeiten bei Nebenerwerbsbetrieben im Fall der Fälle zwar eher indirekt, dafür aber ohne große eigene Investitionen nutzen. Es bleibt also abzuwarten, welches Bild die DBV-Situationsberichte zur Landwirtschaft 4.0 in den kommenden Jahren zeichnen werden...

 

(1) https://www.bauernverband.de/34-betriebs-und-rechtsformen-683385
(2) https://www.bauernverband.de/36-digitalisierung-in-der-landwirtschaft

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 29. Juni