Digitalisierung nicht bis zur Milchkanne?

Jan. 19, 2019, 3:02 p.m.

Da hat es Anja Karliczek, die Bundesministerin für Bildung und Forschung, nicht wirklich gut mit dem ländlichen Raum gemeint. „5G ist nicht an jeder Milchkanne notwendig“, hat sie wohl zu der Nachrichtenagentur Reuters gesagt. Und das, obwohl schon heute viele den ländlichen Raum als digital abgehängt ansehen, da der bisherige Standard 4G derzeit dort alles andere als flächendeckend verfügbar ist. Selbst Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier empfindet das deutsche Mobilfunknetz laut eigener Aussage wegen der vielen Funklöcher und Gesprächsausfälle als „total peinlich!“

Da sind auf der einen Seite die gesellschaftlichen Forderungen nach mehr Tier- und Umweltschutz, nach höchster Produktqualität, nach Kontrollen, Transparenz, lückenloser Dokumentation und Nachvollziehbarkeit. Auf der anderen Seite gäbe es bereits eine Vielzahl technischer Möglichkeiten, um dies und noch mehr umzusetzen – wenn denn flächendeckend eine ausreichend schnelle und sichere Internetverbindung auf dem Land verfügbar wäre. Und daran hapert es immer noch gewaltig. So berichtete die Tagesschau am 27.12.2018 über eine Studie einer Aachener Unternehmensberatung, nach der Deutschland im Ländervergleich weit hinter seinen Nachbarn zurückliegt, weil das eigentlich etablierte 4G-Netz hierzulande bei allen Anbietern noch große Löcher aufweist1.

Die Hersteller von Landtechnik präsentieren Jahr für Jahr faszinierende Neuerungen, mit denen auf dem Acker noch genauer, noch ressourcenschonender, noch umweltfreundlicher gearbeitet werden kann. Eine Jahr für Jahr und Spur für Spur wiederholbare Genauigkeit bis auf 2,5 cm, die Vermeidung von Überlappungen, Pflanzenschutz und Düngung teilflächenspezifisch, Telemetrie und Flottenmanagement – das sind nur einige beispielhafte Stichworte.

Für die Ställe gibt es vergleichbare Techniken – mit Systemen zum Herdenmanagement, mit Fütterungsautomaten und modernen Melkanlagen, bei denen die Digitalisierung hilft, das individuelle Tier bestmöglich im Blick zu behalten und so Tiergesundheit und Tierwohl sicherzustellen. Mit den digital erhobenen Daten zur Milchmenge, zu den Milchinhaltsstoffen, dem Bewegungsprofil oder der Wiederkauaktivität der Tiere können die Landwirte wesentliche Parameter nicht nur direkt auf dem Betrieb auswerten, sondern auch online mit dem Tierarzt oder etwa dem zuständigen Milchkontrollverband vernetzen: Die perfekten Voraussetzungen für Tiergesundheit, Tierwohl und gute wirtschaftliche Ergebnisse.

Und selbst damit ist noch nicht Schluss, denn der digitalen Handel – und speziell der digitale Agrarhandel – eröffnet den Landwirten weitere, höchst interessante Möglichkeiten: So ermöglicht Agrando seinen Nutzern beispielsweise ebenso schnelle wie einfache Anfragen für Futter-, Pflanzenschutz-, Düngemittel, Saatgut oder Treib- und Schmierstoffe. Alle Anfragen, Angebote und Aufträge bleiben hier übersichtlich im Blick, und auch abgeschlossene Aufträge lassen sich jederzeit wieder aufrufen, und zwar inklusive aller Details und Dokumente. Das ermöglicht nicht nur unmittelbare Preisvergleiche, sondern mit den Informationen aus allen bisherigen Anfragen und Aufträgen auch eine übersichtliche Auswertung zu dem betrieblichen Einkaufsverhalten – und damit zu potenziellen Optimierungsmöglichkeiten.

Nur eine Hürde muss genommen werden, damit alle im ländlichen Raum an diesen Entwicklungen teilhaben können: Es braucht die schnelle Digitalisierung tatsächlich bis an jede Milchkanne – und am besten jetzt gleich flächendeckend mit 5G! Dazu sollten auch die Mobilfunkanbieter über Möglichkeiten der gemeinsamen Nutzung von Funkmasten nachdenken, denn so ließe sich auch im derzeitigen G4-Netz schon manches Loch stopfen. Wünschenswert wäre aber, dass weniger „gestopft“ als vielmehr zeitnah eine flächendeckende Versorgung mit 5G angestrebt wird, um den ländlichen Raum wieder „anzuhängen“.

 

1 https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-487601.html

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 19. January