Klimaschutzgesetz: Druck oder Chance für die Landwirtschaft

June 21, 2019, 3:06 p.m.

Sollte das Klimaschutzgesetz wie geplant umgesetzt werden, ergeben sich für die Landwirtschaft zwar weitere Auflagen und Restriktionen, gleichzeitig aber auch neue Chancen. So könnte etwa eine Einführung von CO2 - Zertifikaten einen Anreiz für mehr Humusaufbau bieten und gleichzeitig der Landwirtschaft durch höhere Bodenfruchtbarkeit nutzen.

Am 29. Mai hat das Klimakabinett getagt. Die Vorschläge zur Reduzierung der CO2-Emissionen in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen wurden diskutiert. Eine Grundsatzentscheidung mit konkreten Maßnahmen soll zwar erst im September folgen, aber im Juli will sich das Klimakabinett bereits mit dem Preis für CO2-Emissionen befassen. Dies betrifft auch die Landwirtschaft in besonderer Weise. So steht im Raum, CO2 - Emissionen zu besteuern, aber gleichzeitig auch einen Handel mit CO2 - Zertifikaten einzuführen1. Denkbar wäre, dass Landwirte mit einer zunehmenden CO2 - Speicherung in landwirtschaftlich genutzten Flächen Gutschriften erhalten würden, die dann als Zertifikate an der Börse verkauft oder gegen die Emissionen der Betriebe angerechnet werden könnten. Können Landwirte damit vielleicht in Zukunft sogar Geld verdienen, wenn sie vermehrt CO2 im Boden fixieren?

CO2 - Speicherung im Boden – eine Chance fürs Klima

Landwirtschaftliche Böden sichern nicht nur die Ernährung, sondern dienen auch dem Klimaschutz, da sie große Mengen CO2 speichern können. Dies belegen Wissenschaftler des Thünen-Instituts in Braunschweig, die landwirtschaftlich genutzte Flächen in Deutschland über viele Jahre untersucht haben. So speichern die Ackerböden insgesamt zweieinhalb Milliarden Tonnen Kohlenstoff – und damit etwa elf Mal so viel, wie Deutschland im Jahr 2016 an CO2 emittiert hat. In den heimischen Wald- und Agrarökosystemen ist so viel organischer Kohlenstoff gebunden, wie Deutschland bei dem derzeitigen Emissionsniveau in 23 Jahren an CO2 verursacht. Diese Zahlen verdeutlichen neben der Verantwortung der Branche auch die Möglichkeiten, die sich für die deutschen Landwirte durch den Kohlenstoffspeicher Boden ergeben2,3.

Humus-Zuwächse berücksichtigen

Wie viel Kohlendioxid der Boden enthält, hängt vom Humusgehalt ab, das heißt von dem Gehalt unbelebter organischer Substanz im Boden4. Humus besteht zur Hälfte aus Kohlenstoff, der aus dem Kohlendioxid der Luft stammt. Durch eine Erhöhung des Humusgehalts im Boden wird daher die Atmosphäre entsprechend um das Treibhausgas Kohlendioxid entlastet5. Sollte es künftig zur Einführung von CO2 - Zertifikten kommen, gewinnt der Humusgehalt der Böden weiter an Bedeutung.

Weitere Chancen …?

Humus hat darüber hinaus positiven Einfluss auf eine Reihe von Bodeneigenschaften, wie die Wasserhaltekapazität und die Bodenfruchtbarkeit im Allgemeinen. Beides sind aus landwirtschaftlicher Sicht sehr wichtige Kenngrößen, wie etwa der vergangene Trockensommer gezeigt hat. Die Wissenschaftler vom Thünen-Institut sind sich einig, dass nicht die Verhinderung von Humusverlusten, sondern die Förderung der Humusbildung der Weg zu fruchtbaren Böden ist. Zur Humusbildung sind ausreichend Pflanzenreste in Form von Wurzeln, Stoppeln, Stroh oder Blättern nötig, die nicht abgeerntet werden, sondern als Reststoffe auf dem Acker verbleiben. Von steigenden Humusgehalten profitieren dann auch die Bodenlebewesen, von denen sich etwa 99 Prozent von diesen Pflanzenresten ernähren6.

Förderung des Humusaufbaus

Der Auf- und Abbau von Humus im Boden ist ein natürlicher Prozess, der grundsätzlich nicht aufzuhalten ist. Humusaufbau lässt sich allerdings fördern, etwa durch den Anbau von Zwischenfrüchten im Winter, die im Frühjahr untergearbeitet werden. Durch die Förderung im Rahmen des Greenings konnte der Anbau von Zwischenfrüchten in Deutschland in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert werden, was auch dem Humusaufbau zugutekommt. Mit Blick auf die Nutzung des Aufwuchses auf den Flächen zeigt sich aber auch eine zunehmende Konkurrenz um die Biomasse: Zwischenfrüchte und Ernterückstände wie Stroh könnten stattdessen auch als erneuerbare Energiequelle in Biogasanlagen und Blockheizwerken etc. genutzt werden, statt zum Humusaufbau auf dem Feld zu verbleiben.

»Wurzeln werden deutlich besser zu Humus umgebaut als Stroh oder organischer Dünger«

Eine Lösung für diese Konkurrenzsituation könnte in einem verstärkten Wurzelwachstum liegen. Wurzeln werden deutlich besser zu Humus umgebaut als Stroh oder organischer Dünger. Gleichzeitig ist eine tiefe Durchwurzelung ein Schlüssel, um Pflanzen widerstandsfähig gegen Trockenstress zu machen. Wenn der Acker abgeerntet wird, bleiben die Wurzeln im Boden und fördern den Humusaufbau5.

Intelligente Lösungen gefragt

Kontrovers wird unter Wissenschaftlern derzeit noch diskutiert, in welchem Umfang und in welchen Regionen der Welt eine Erhöhung der Bodenhumusvorräte möglich ist. So berichtet Dr. Axel Don vom Thünen-Institut für Agrarklimaschutz, Braunschweig, dass Studien aus der Schweiz und aus Bayern die Möglichkeit belegen, Humusvorräte in landwirtschaftlich genutzten Böden zumindest um ein Promille pro Jahr zu erhöhen. Dazu seien aber auch drastische Maßnahmen nötig, wie z. B. der Umbau der Agrarlandschaft mit zusätzlichen Gehölzstrukturen, Agroforstsystemen oder Hecken, die dann auch als Bioenergiequelle genutzt werden könnten. Einigkeit besteht laut Dr. Don allerdings darin, dass gleichzeitig auch der Verlust von Humus aus Böden, etwa durch die landwirtschaftliche Nutzung von Mooren, reduziert oder gestoppt werden müsse. Humusaufbau sei dann sinnvoll, wenn neben dem Beitrag zum Klimaschutz auch weitere Ziele erreicht werden könnten. Dies sei beispielsweise bei Zwischenfrüchten der Fall: Sie könnten Nitrat aus dem Boden aufnehmen und so die Auswaschung in das Grundwasser verhindern. Zudem schützten ihre Pflanzendecke im Winter den Boden vor Erosion5.

Um die Humusgehalte im Boden zu erhöhen, sind schließlich durchdachte Lösungen, wie ein verstärktes Wurzelwachstum, oder alternative Bioenergielieferanten gefragt, damit dies nicht zu Lasten der Biodiversität und anderer Ökosystemfunktionen geht oder zu wesentlichen Ertragseinbußen führt. Denkbar wäre dann aber durchaus der Ansatz, bei dem Landwirte die Bodenfruchtbarkeit durch eine höhere CO2 - Fixierung verbessern, durch die Bindung von CO2 aus der Atmosphäre das Klima schützen, und in Form etwa von CO2-Zertifikaten vom Staat für die Fixierung von Kohlenstoff honoriert werden.

Fazit: Intelligente CO2 - Speicherung schützt das Klima und könnte bei entsprechender Honorierung gleichzeitig einen Beitrag zu den betrieblichen Einkommen leisten.

In unserem nächsten Beitrag lesen Sie, wie viel Kohlenstoff in welchem Zeitraum durch Humusaufbau im Boden gebunden werden kann.

 

1 https://www.welt.de/politik/deutschland/article194409439/Klimakabinett-Das-sind-die-Vorschlaege-zum-Klimaschutz.html
2 https://www.thuenen.de/de/thema/boden/stethoskop/die-bodenzustandserhebung-landwirtschaft/
3 https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Pflanzenbau/Boden/_Texte/Vorstellung%20erste%20Bodenzustandserhebung.html
4 https://www.lfl.bayern.de/iab/boden/094487/index.php
5 https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Pflanzenbau/Boden/_Texte/HumusaufbaufuerdenKlimaschutz.html
6 https://www.thuenen.de/media/publikationen/thuenen-report/Thuenen_Report_64.pdf

Autor Anna Bouten
2019 21. June