Fachkräftemangel in der Landwirtschaft?

June 7, 2019, 3:02 p.m.

Eine Studie1 der Universität Hohenheim aus 2016, die in „Berichte über Landwirtschaft“ erschienen ist, fasst die Situation so zusammen: „Strukturelle und demografische Veränderungen führen auch in der Landwirtschaft dazu, dass Fachkräfte knapper werden (…) und die Nachfrage nach Fremdarbeitskräften steigt.“

Die Ergebnisse zeigten, so heißt es dort weiter, dass sich bereits ein Fachkräftemangel abzeichne. Das bedeute aber nicht, dass die Mehrzahl der hier befragten Betriebe dadurch Probleme erwarten würde.

Die Autoren einer in Brandenburg in Auftrag gegebenen Studie zum „Fachkräftebedarf in der Landwirtschaft im Land Brandenburg bis 2030“ kommen dagegen zu einem anderen Schluss: „Rund 20.000 Personen müssen bis 20302 ersetzt werden. Die Zahl der Auszubildenden wird die Lücke maximal bis zu einem Viertel decken“, heißt es etwa bei topagrar3 unter Berufung auf diese Untersuchung.

Es werde immer mühsamer, qualifizierten Nachwuchs für die landwirtschaftlichen Betriebe zu begeistern. Dies liege durchaus auch in den Vorstellungen begründet, die der potenzielle Berufsnachwuchs von der Arbeit in der Landwirtschaft habe: „Da scheint das Berufsbild des 'Bauern' nicht mehr zeitgemäß zu sein“, schlussfolgerte das Online-Portal proplanta4 im Juni 2018.

Die entscheidende Frage lautet also: Was kann oder sollte die Branche tun, um diesen Nachwuchsproblemen zu begegnen? Ein Ansatz besteht darin, dem (zum Teil zu verstaubten) Image der Branche mit dem Bild einer innovativen Arbeitsumwelt zu begegnen. Eigenverantwortliches Handeln in einer hochtechnisierten Umgebung charakterisiert die Arbeit im Stall und auf den Feldern heute zutreffender als verklärte Naturromantik – wobei die Naturnähe der landwirtschaftlichen Berufe zweifellos ein unvermindert starkes Argument für die Branche ist.

»Die Landwirtschaft ist ein Arbeitsbereich, der traditionelle Stärken in sich vereint.«

Bei proplanta lautet ein Vorschlag, bei der Rekrutierung von Berufsnachwuchs auf Kreativtechnik und kreative (externe) Köpfe zu setzen, mit denen die Marke 'Landwirt' wieder positiv besetzt werden könnte. „Es ist gar nicht so schwer für kreative Köpfe, der Landwirtschaft ein positives Flair hinsichtlich der Personalsuche [zu] verleihen. Die Landwirtschaft ist ein Arbeitsbereich, der traditionelle Stärken in sich vereint. Die gilt [es] von Kreativköpfen bei der Personalsuche in den Vordergrund zu rücken“, so ein Tipp.

Der Berufsstand sei gefragt, ein modernes, attraktives Bild von der Arbeit in der Land- und Forstwirtschaft beziehungsweise im Gartenbau zu zeichnen, hieß es auch bei der Vorstellung der Studie aus Brandenburg. Und: „Der schnell wachsende technisch-technologische Fortschritt stellt hohe Anforderungen an den Einzelnen und an die gesamte Branche. Sie ist hochkomplex und nirgendwo sonst in der Wirtschaft steigt die Effektivität so schnell wie hier, in Deutschland etwa um 1,6 Prozent jedes Jahr. Die Arbeitsprozesse in der Landwirtschaft werden immer wissens- und kapitalintensiver. Es braucht daher eine fundierte und umfassende Beratung sowie Aus- und Weiterbildung aller Beteiligten, auch der öffentlichen Verwaltung.“ Dazu müsse der Strukturwandel besser gestaltet und das Berufsbildungssystem aufgewertet werden. Darüber hinaus seien Angebote zur Berufsorientierung ebenso erforderlich wie die Unterstützung von Aus- und Weiterbildung.

Einen weiteren Punkt erwähnt die eingangs genannte Studie aus Hohenheim: „Die Betriebsleiter führen nicht alle beklagten Rekrutierungsprobleme auf einen tatsächlich existierenden Mangel an Fachkräften zurück, sondern sehen in Bezug auf die Gewinnung von Fachkräften eher Probleme im niedrigen Lohnniveau und der damit verbundenen mangelnden Konkurrenzfähigkeit der Landwirtschaft im branchenübergreifenden Wettbewerb.“

Eine Frage bleibt bei allem unbeantwortet: Wie soll die Landwirtschaft den kommunikativen Spagat schaffen zwischen dem Bild vom modernen, innovativen und hochtechnisierten Arbeitsplatz auf der einen und den von der Werbung gern bedienten Sehnsüchten vieler Verbraucher nach einer kleinstrukturierten „heilen Bauernhofwelt“ auf der anderen Seite? Diese „Zwickmühle bleibt offen“

 

1 http://buel.bmel.de/index.php/buel/article/view/89/Gindele.html
2 https://mlul.brandenburg.de/cms/media.php/lbm1.a.3310.de/Fachkraeftestudie-Landwirtschaft2030.pdf
3 https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/brandenburger-landwirtschaft-braucht-20-000-fachkraefte-bis-2030-10120719.html
4 https://www.proplanta.de/Ratgeber/Landwirtschaft/Fachkraeftesituation-in-der-Landwirtschaft-wie-laesst-sich-dem-Fachkraeftemangel-effizient-entgegenwirken_tipps1530266460.html

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 07. June