Ferkelkastration: Keine Einheit in der EU!

23. November 2018 16:12

Gemeinsamer Markt und Gemeinsame Agrarpolitik bedeuten nicht, dass auch die rechtlichen Grundlagen etwa für die Ferkelkastration in den EU-Mitgliedsstaaten einheitlich – und damit für alle Schweinehalter gleich und fair – geregelt wären. Die aktuelle rechtliche Lage in Europa entspricht eher einem „bunten Flickenteppich“:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Während in England, Portugal und Spanien Ebermast durchaus schon weit verbreitet ist, hat die Branche in Deutschland Bedenken, dass der bei geschlechtsreifen männlichen Tieren entstehende Ebergeruch viele Konsumenten abschrecken könnte. Tatsächlich werden beispielsweise in England aus diesem Grund viele Eber sehr früh und damit vor der Geschlechtsreife geschlachtet (1). In Dänemark ist die Kastration ohne Betäubung erlaubt, und in anderen skandinavischen Ländern dürfen die Schweinemäster selbst vor der Kastration eine Lokalanästhesie durchführen. Das aber geht in Deutschland nicht – und wird von der Bundestierärztekammer auch klar abgelehnt (2).

Welche Verfahren zum Umgang mit dem Ebergeruch gibt es überhaupt? Was sind Vor- und Nachteile? Und welche politische Begleitung wäre ggf. wünschenswert?

Diese und weitere Fragen werden heiß diskutiert, und dies nicht erst seit dem 7. November 2018. An diesem Tag wurde beschlossen, das parlamentarische Verfahren zur zweijährigen Verlängerung der Übergangsfrist für die betäubungslose Ferkelkastration zu eröffnen. Und das war „kurz vor knapp“, denn nach der bisherigen Übergangsfrist sollte bereits zum 1. Januar 2019ein endgültiges Verbot greifen. Nun ist vorgesehen, dass der Bundestag die Fristverlängerung am 29. November beschließen und der Bundesrat dem am 14. Dezember zustimmen soll (3). In der neuen zweijährigen Frist, so die Hoffnung, lässt sich zumindest für Deutschland vielleicht eine tragfähige Methode finden.

Da gibt es zunächst das bisherige Vorgehen – die betäubungslose Kastration. Auch wenn sie als Verfahren etabliert und schnell erledigt ist, ohne Tierarzt erfolgen kann und die Landwirte über sehr viel Erfahrung damit verfügen: Der Eingriff ist tierschutzrelevant, stark in der Kritik – und damit nicht mehr zukunftsfähig.

Die Lokalanästhesie als eine denkbare Alternative bietet, wenn sie zusammen mit der Verabreichung eines Schmerzmittels erfolgt, durchaus Vorteile. Das Schmerzempfinden der Tiere ist bei dem Eingriff zweifellos geringer. Als nachteilig gilt allerdings, dass die Verabreichung des Anästhetikums für die Ferkel bereits im Vorfeld des Eingriffs mit Stress verbunden ist, dass bei der Applikation die richtige Stelle getroffen werden muss, Wartezeiten für die richtige Wirkung zu beachten sind und das Verfahren damit in der Summe mehr Zeit in Anspruch nimmt. Aus Sicht der Schweinehalter ist darüber hinaus gravierend, dass die Lokalanästhesie nach derzeitigem Recht nur von Tierärzten vorgenommen werden darf. Auch das ist mit weiteren Kosten verbunden, die sich bei den aktuellen Gewinnmargen kaum erwirtschaften lassen.

 

Eine ausführliche Diskussion zum Thema finden Sie auch in unserem CouchTalk auf YouTube:

 

Einen Schritt weiter geht der Ansatz, die Ferkel vor dem Eingriff mittels Vollnarkose zu betäuben. Dies könnte sowohl mittels Injektion als auch über Inhalation erreicht werden, macht aber ebenfalls nur im Zusammenspiel mit der Gabe eines Schmerzmittels Sinn und muss vom Tierarzt vorgenommen werden. Schwierig – und damit nachteilig – sind die Dosierung, die benötigte Zeit und der Aufwand für die technische Vorrichtung zur Inhalation, die nicht auf jedem Ferkelkopf passgenau sitzt und damit die Dosierung zusätzlich erschwert. Beim Liegen der Ferkel in der Nachschlafphase können darüber hinaus Keime in die Wunde eindringen. Aus Sicht von Tierhaltern und Tierärzten stimmt besonders bedenklich, dass das Narkosemittel Isofluran einerseits noch nicht vollständig zugelassen ist und andererseits beim Menschen sogar mit der Entstehung von Alzheimer in Verbindung gebracht wird.

Damit kommt die in England, Irland, Portugal und Spanien schon weiter verbreitete Ebermast als Alternative ins Spiel. Klare Vorteile hier: Keine Kastration, keine Eingriffe, kein Zeitaufwand und eine gegebenenfalls bessere Futterverwertung bei den Ebern, deren Rationen allerdings u. U. auf ein anderes Aminosäureverhältnis umgestellt werden müssen. Auch das bei der Ebermast magerere Fleisch erweist sich auf Märkten wie Deutschland als vorteilhaft. Nachteilig sind demgegenüber das zum Teil teurere Futter und das Verhalten der Eber, die evolutionäre Einzelgänger sind. Das Aggressionspotenzial ist höher, der Platzbedarf steigt, Anpassungen bei der Fütterungstechnologie können erforderlich werden und eine gemeinsame Mast von Jungebern mit Jungsauen ist nicht mehr möglich. Die Schlachtung der Jungeber vor der Geschlechtsreife würde in den meisten Fällen zwar den Ebergeruch verhindern, aus Sicht der Branche bleibt aber die Frage, ob die Investitionen überhaupt vom Markt honoriert würden oder möglicherweise sogar Preisabschläge zu befürchten wären. Hier lehrt zumindest die bisherige Erfahrung, dass Garantien, Eberfleisch ohne Preisabschläge liefern zu können, oft nicht eingehalten wurden.

Das führt zu der Immunokastration als letzter Alternative. Fatal ist, dass aufgrund uninformierter Äußerungen zum Teil der falsche Eindruck entstanden ist, bei dem Fleisch dieser Tiere handele es sich um „Hormonfleisch“ – und das findet angesichts der Befindlichkeiten der deutschen Verbraucher überhaupt keine Gegenliebe. Tatsächlich bedeutet die Immunokastration die Impfung der männlichen Ferkel mit einem körperfremden „Botenstoff“, der vom Körper erkannt und mit körpereigenen Antikörpern angegangen wird. Diese körpereigenen Antikörper wirken dann gleichzeitig auch gegen die natürlichen, vom Körper gebildeten Botenstoffe, die ansonsten die Bildung und Freisetzung von Sexualhormonen bewirkt hätten. Durch die Impfung mit den Botenstoffen werden also Bildung und Ausschüttung der körpereigenen Hormone verhindert. Der Eingriff ist von der Impfung abgesehen nicht invasiv, kann von den Tierhaltern selbst vorgenommen werden, muss bis zur Schlachtreife nur zweimal erfolgen, reduziert den Anteil von Tieren mit Ebergeruch sehr weitgehend, führt zu deutlich geringerer Aggressivität und ermöglicht so auch die Haltung gemischter Gruppen. Das alles klingt gut, aber die entscheidende Frage bleibt: Werden deutsche Verbraucher das auch akzeptieren, wenn fälschlicherweise weiter von „Hormonfleisch“ gesprochen wird?

 

Es gibt wohl keinen Königsweg. Landwirte, Schlachtbranche und viele praktische Tierärzte hoffen aber, dass die neue zweijährige Übergangsfrist genutzt wird, um den sogenannten „4. Weg“ als tierschutzgerechte und praxistaugliche Alternative umzusetzen (4), d. h. die Lokalanästhesie mit der gleichzeitigen Verabreichung eines Schmerzmittels durch die Landwirte selbst – auch wenn die Bundestierärztekammer Zweifel an diesem Weg anmeldet (5). Offen bleibt dabei ebenso, ob es bei dem rechtlichen Flickenteppich in Europa bleibt – und wie Tierhalter in Ländern mit Regelungen, die höhere Kosten verursachen, von der Politik mit finanziellen Anreizen für bessere Tierwohlstandards gegebenenfalls unterstützt werden können. Wenn es alleine der Markt regeln soll, dann sind die Sorgen der deutschen Schweinehalter mehr als berechtigt.

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 23. November