Höfesterben - immer mehr Landwirte geben auf

Oct. 23, 2019, 1:20 p.m.

Politik und Medien beklagen das Höfesterben. Gleichzeitig befördern Agrarpolitik und Gesellschaft mit immer neuen Auflagen die Landwirte zum Ausstieg. Die Konsequenz ist ein Strukturwandel: Die Zahl der Höfe geht insgesamt zurück und von den noch verbliebenen Betrieben wirtschaftet die Hälfte nur noch im Nebenerwerb, da das Einkommen aus der Landwirtschaft nicht mehr ausreicht. DBV-Präsident Rukwied will derzeit offiziell (noch) nicht von einem Höfesterben sprechen, aber laut einer Studie der DZ-Bank droht langfristig der „Abschied vom jahrhundertealten Modell des bäuerlichen Familienbetriebs“.

 

Kosten und Politik erzwingen Strukturwandel 

Die Ursachen für die Entwicklung des Höfesterbens sind unterschiedlich: Auf der einen Seite zwingen schrumpfende Einkommen und steigende Kosten die Betriebsaufgabe. Dabei sind besonders die kleinen Bauernhöfe und die Nebenerwerbsbetriebe betroffen. Ihnen fehlen die monetären Mittel, um in neue Maschinen, Ställe oder Technologien zu investieren.

 Auf der anderen Seite fördern Politik und Gesellschaft mit immer neuen Auflagen diese Entwicklungen. So haben die Auflagen und Forderungen an die deutschen Bauern in den vergangenen Monaten einen neuen Höhepunkt erreicht – darunter zählt die neue Düngeverordnung, das Glyphosatverbot ab 2023 sowie das Agrarpaket aus Insektenschutzprogramm, Tierwohlkennzeichen und Umschichtung der Direktzahlungen für 2020 und noch einiges mehr. 

 

Strukturbruch durch neue Auflagen 

Die genannten Maßnahmen betreffen zwar alle Landwirte, aber in besonderem Maße die kleinen Betriebe. Beispielsweise die neue Düngeverordnung werde laut niedersächsischem Landvolkpräsident Albert Schulte to Brinke „tausenden Betrieben die wirtschaftliche Basis entziehen“. Er fürchte sogar einen regelrechten „Strukturbruch“, da viele kleine und mittlere Höfe zur Aufgabe gezwungen werden, weil ihnen nicht genügend Zeit zur Anpassung an neue Auflagen gewährt werden würde.

 

Agrarsubventionen und Marktregelungen verstärken den Strukturbruch

Auch gehen die Trends der Betriebsauflösungen auf die Liberalisierung der Agrarmärkte und die EU-Politik mit ihren Agrarsubventionen und Marktregelungen zurück. Produkt- und branchenspezifische Zahlungen haben in der Vergangenheit die Spezialisierung der Betriebe gefördert. Seit 2003 erhalten sie von der EU Direktzahlungen pro Hektar, das heißt, Landwirtinnen und Landwirte bekommen umso mehr Geld, desto mehr Land sie besitzen. Wenn diese Beihilfen einen wesentlichen Teil des Einkommens ausmachen, schafft dies einen Anreiz, mehr Land zu erwerben. Etablierte Großbetriebe, die bereits viel Land bewirtschaften, verfügen entsprechend über mehr Kapital und haben damit die Möglichkeit, Kredite aufzunehmen und weiter Land hinzuzukaufen. Neueinsteiger und Neueinsteigerinnen, die erst noch auf der Suche danach sind, haben solche Vorteile nicht.

Zwar ermöglichen es die Direktzahlungen vielen Menschen, trotz schlechterer wirtschaftlicher Bedingungen weiter in der Landwirtschaft zu arbeiten. Aber allzu oft haben sie dazu geführt, dass der Landbesitz sich in den Händen weniger konzentriert. Das wiederum behindert nachfolgende Generationen, Höfe und Land zu erwerben. Obwohl seit der GAP-Reform von 2013 kleinere Betriebe mehr Geld erhalten, hat dies das Höfesterben nicht aufgehalten.

 

Ein Blick auf die Anzahl der Betriebe

Aktuelle Zahlen zeigen, dass jedes Jahr mehrere Tausend Landwirte in Deutschland ihren Betrieb aufgeben. 1950 gab es alleine in Westdeutschland noch 1,65 Millionen Bauernhöfe. 2017 waren es bundesweit nur noch 267.000. Bis zum Jahr 2040 rechnet die DZ-Bank nur noch mit 100.000 Betrieben. Gleichzeitig dürften sich die Arbeitsplätze im Sektor ohne Saisonkräfte auf 325.000 halbieren.

Höfesterben: Aktuelle Zahlen von 1950-2040

Gerade im Bereich der tierhaltenden Betriebe wirtschaften sehr viele kleine Betriebe und Nebenerwerbslandwirte. Besonders hier zeigt sich ein Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe. So ist die Zahl der Rinderhaltern von 2005 bis 2018 um knapp ein Viertel geschrumpft. Die Betriebe mit Milchkühen nahmen sogar um mehr als 40 Prozent ab. Bei den Schweinehaltern hat sich die Anzahl der Betriebe im gleichen Zeitraum um 75 Prozent verringert.

Ein Blick auf die Zahlen in tierhaltenden Betrieben

Die letzte offizielle Betriebszählung aus dem Jahr 2016 meldet für Deutschland noch 275.000 Landwirtschaftsbetriebe. Die Wachstumsschwelle – also die Größe ab der die Zahl der Betriebe zunimmt und nicht schrumpft - lag zu diesem Zeitpunkt bei über 200 ha. 

 

Zukunft der Landwirtschaft

Zuletzt haben Landwirte versucht mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie den grünen Kreuzen auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Ob die Aktionen an der prekären Situation der Bauern etwas ändern ist jedoch fraglich. Denn: das Klimapaket, die Düngeverordnung und etliche andere Maßnahmen sind längst beschlossen und politischer und gesellschaftlicher Konsens. 

Der Agrarökonom Dr. Sebastian Rahbauer erläuterte erst kürzlich im makro-Interview von ZDF, ob und wie die Entwicklungen des Höfesterbens aufzuhalten sind. Besonders warnt er davor, dass bei voranschreitendem Höfesterben, bald auch Verbraucher Auswirkungen verspüren werden. „Nur mehr große landwirtschaftliche Betriebe mit intensiver Ackerwirtschaft und Tierhaltung können nachhaltig Gewinne erzielen. Jedoch entsprechen solche Strukturen oft nicht den gesellschaftlichen Erwartungen der Verbraucher“, so Rahbauer. Damit Landwirte jedoch hohe Erwartungen an Biodiversität, Tier- und Umweltschutz erfüllen können, müssen die Verbraucher höhere Preise für Lebensmittel bezahlen. „Andernfalls wird mit der Intensivierung der Landwirtschaft auch die Auswahl an heimischen Lebensmitteln im Supermarkt sinken, weil die Produktion weniger rentabler Agrarprodukte ins Ausland verlagert wird.“

 

Der Kampf gegen den Strukturwandel

Laut Rahbauer hängen somit die Perspektiven in der Landwirtschaft sehr stark von den Verbrauchern ab. „Ich halte es für eine positive Entwicklung, dass sich viele Verbraucher kürzlich stärker mit der Herkunft und Produktion ihrer Lebensmittel auseinandersetzen. Die zukünftige Entwicklung der deutschen Landwirtschaft hängt nun davon ab, ob diese Menschen auch bereit sind für Qualität und Regionalität mehr Geld zu bezahlen.“ Wenn sichergestellt werde, dass der Mehrpreis auch bei den Landwirten ankomme, sieht Rahbauer gute Chancen, einem „Strukturbruch“ in der Landwirtschaft entgegenzuwirken.

Aus Sicht der DZ Bank liegt die Lösung gegen den Strukturwandel jedoch in der Bildung. Künftig prägen immer stärker zwar inhabergeführte, aber große, kapitalintensive und betriebswirtschaftlich organisierte Agrarunternehmen die Branche, aber der Schlüssel für den erfolgreichen Übergang in eine hochmoderne wettbewerbsfähige deutsche „Landwirtschaft 4.0“ seien eine gute Aus- und Weiterbildung sowie zukunftsweisende Investitionen.

Autor Anna Bouten
2019 23. October