Aus „literarischem Blickwinkel“: Kampf gegen Windmühlen

June 14, 2019, 3:08 p.m.

Prof. Dr. José Martinez vom Institut für Landwirtschaftsrecht an der Universität Göttingen sieht in einem Blogbeitrag1 Parallelen zwischen der heutigen Diskussion über erneuerbare Energien und Don Quijote, dem „Ritter von der traurigen Gestalt“, einem ebenso bekannten wie tragischen Helden der Weltliteratur.

Der spanische Autor Miguel de Cervantes stellt laut Prof. Martinez den Konflikt zwischen Ideal und Realität in den Mittelpunkt seines zweibändigen Werks: Das Ideal wird von dem Landedelmann Don Quijote de la Mancha verkörpert, der Ritterromane verschlingt und die gelesenen Geschichten für wahr hält. Sein Knappe Sancho Panza, ein ebenso kleiner wie dicker, dafür aber praktisch denkender Bauer, verkörpert dagegen die Realität. Anders als Don Quijote, der aus seinen meisten Abenteuern mit heftigen Blessuren hervorgeht, durchschaut Sancho Panza die Trugschlüsse seines Herrn. Immer wieder versucht er, Don Quijote klarzumachen, dass ihm nicht große Heere und furchteinflößende Riesen gegenüberstehen, sondern nur Schafsherden oder einfache Windmühlen. Davon unbeirrt stellt sich Don Quichotte immer wieder diversen Herausforderungen, bis er erst auf dem Totenbett „den Unsinn und die Verworfenheit der Ritterromane“ erkennt.

Für Prof. Martinez zeigt sich die Zeitlosigkeit des Romans u. a. in dem Kampf Don Quijotes gegen die Windmühlen, „der sich heute im Kampf der Naturschützer gegen Windkraftanlagen oder Hochspannungsleitungen in Wäldern“ wiederhole. Er verweist dazu auf einen Bericht des Bundesamts für Naturschutz vom Februar 2019, der auf Konflikte zwischen der Energiewende und den Zielen des Umwelt- und Naturschutzes eingeht2: „Denn die hohe Anzahl und die weite räumliche Verbreitung von Anlagen erneuerbarer Energien tragen zum Wandel von Landnutzung und Landschaftsbild bei, sie bergen außerdem Risiken für bestimmte Arten und ihre Lebensräume. (…) Der weitere Ausbau ist daher gezielt so zu gestalten und zu steuern, dass er naturverträglich erfolgt und nicht auf Kosten von Natur und Landschaft verwirklicht wird.“

»Dieser museale Blick auf die Landschaft ist eine Illusion, verkennt er doch, dass die Eigenart der Landschaften dynamisch geprägt ist.«

Für Martinez ist die in Deutschland dominierende bewahrende Sicht auf Landschaft und Landnutzung ein Auslöser für die verbreitete Bereitschaft, den Landschaftsschutz über deren Nutzung zu stellen. Landschaft werde als Kulturwert museal verstanden. Aber: „dieser museale Blick auf die Landschaft ist eine Illusion, verkennt er doch, dass die Eigenart der Landschaften dynamisch geprägt ist.“

Dies werde am Beispiel der Industriekultur deutlich, bei der heute rostende Stahlwerke und Bergbaubetriebe als Bestandteil des Landschaftsbilds gesellschaftlich akzeptiert und geschätzt würden. Die ursprünglich mit erheblichen Eingriffen in die Landschaft verbundenen Industriestandorte würden inzwischen als wertvolle Bestandteile landschaftlicher Eigenart wahrgenommen. Ein solches, „von Alltagszwängen entlastetes ästhetisches Verhältnis“ gelte auch „für vermeintlich intakte Biotope, die ihre Entstehung erheblichen Eingriffen in den Naturhaushalt“ verdankten, wie es etwa bei der Lüneburger Heide der Fall sei.

Vor diesem Hintergrund kommt Prof. Martinez zu dem Schluss: „Insoweit mag unserer Generation noch das Windrad in der Landschaft fremd vorkommen. Für kommende Generationen wird es so selbstverständlich sein, wie es heute auch die Windmühlen in La Mancha sind.“

Darüber hinaus sei eine Gegenüberstellung von Klimaschutz auf der einen und Naturschutz auf der anderen Seite eine Illusion, denn der Klimaschutz sei eine zwingende Voraussetzung für den Naturschutz. So helfe beispielsweise der „naturschutzrechtliche Schutz von Feuchtgebieten (…) nicht, wenn Dürrephasen zur Regel werden.“ Artenschutz gehe ins Leere, wenn sich die Lebensräume von Fauna und Flora aufgrund der ständig neuen klimatischen Gegebenheiten veränderten. Aus diesem Grund sei Klimaschutz nachhaltiger Naturschutz, und die Windräder seien keine Riesen, gegen die der Naturschutz heute als „Ritter von der traurigen Gestalt“ kämpfen müsse.

Prof. Martinez wünscht sich deshalb für den Naturschutz eine Figur wie Sancho Panza, der mit Realismus an die Wirklichkeit – auch heutiger Windmühlen – herangeht.

 

1 https://agrardebatten.blog/2019/05/08/der-kampf-gegen-windmuhlen%EF%BB%BF/
2 https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/erneuerbareenergien/Dokumente/BfNErneuerbareEnergienReport2019_barrierefrei

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 14. June