Nicht aus der Luft gegriffen: Landwirtschaft per Multikopter

10. August 2018 10:40

Drohnen bzw. Multikopter sind bei Technikfans richtig angesagt. Immer häufiger sind die flinken, oft mit Kameras ausgestatteten Fluggeräte am Himmel zu sehen. Sie bieten ihren Nutzern nicht nur viel Spaß, sondern ermöglichen auch spannende Blicke aus der Vogelperspektive. Auch Landwirte nutzen Multikopter immer häufiger, etwa zur Fernerkundung, zur Wildrettung oder für den biologischen Pflanzenschutz.

Multikopter ist ein Überbegriff für die auch als Drohnen bezeichneten unbemannten Fluggeräte, die von vier oder mehr Rotoren angetrieben werden. Nach der Anzahl der Rotoren werden Quadrokopter, Hexakopter und Octokopter mit vier, sechs bzw. acht Antriebseinheiten unterschieden. Der „Pilot“ steuert den Kopter über eine Funkfernsteuerung vom Boden aus. Daneben finden sich zunehmend auch ferngesteuerte Drohnen mit starren Flügeln: Die können zwar nicht in der Luft stehenbleiben, ermöglichen aber beispielsweise bei der Kartierung aus der Luft eine höhere Geschwindigkeit und damit auch eine größere Flächenleistung.

Die gerade von Multikoptern ausgehende Faszination hat viele Gründe: Vertikaler Start und Landung sowie die freie Bewegung im dreidimensionalen Raum machen dank GPS-gestützter Steuerung einfach Spaß. Zu berücksichtigen sind allerdings die in Deutschland auf maximal 100 Meter begrenzte Flughöhe, Sperrzonen rund um Verkehrsflughäfen, Krankenhäuser, Kraftwerke, militärische Objekte etc., die erforderliche gesonderte Haftpflichtversicherung und – im Fall der gewerblichen Nutzung – die notwendige Aufstiegsgenehmigung.

 

Auch in der Landwirtschaft kommen Multikopter und ihre starrflügeligen Geschwister immer häufiger zum Einsatz und bieten u. a. kostengünstige und die Pflanzen schonende Möglichkeiten bei der Fernerkundung. Luftbilder können anhand ihrer Färbung und Struktur beispielsweise Hinweise zu Nährstoffmangel, unterschiedlicher Abreife oder zur Verunkrautung geben. Bei dem Aufspüren von Rehkitzen in Wiesen, die zur Heu- oder Silagebereitung gemäht werden sollen, haben sich die Kopter im Einsatz mit Wärmebildkameras ebenfalls schon sehr bewährt, und auch im biologischen Pflanzenschutz kommen sie zunehmend zum Einsatz.

Bei dem Anbau von Körner- und Silomais ist der Maiszünsler in Deutschland der wirtschaftlich bedeutendste Schädling. Sein Verbreitungsgebiet umfasst inzwischen alle Regionen mit Maisanbau im Bundesgebiet. Der Klimawandel, die Ausdehnung des Maisanbaus und die enorme Anpassungsfähigkeit des Maiszünslers haben zu seiner rapiden Verbreitung beigetragen. Mit der Schlupfwespe Trichogramma steht allerdings ein wirksamer Antagonist zur Verfügung, der in Deutschland inzwischen auf über 25.000 Hektar zum Einsatz kommt. Zu Beginn des Zünslerfluges werden verschiedene Entwicklungsstadien der Schlupfwespe mit kleinen Rähmchen oder Kugeln aus Maisstärke im Feld ausgebracht. Sie enthalten parasitierte Eier, aus denen die Trichogrammen nach ein bis zwei Tagen schlüpfen. Nach der Paarung legen sie ihre Eier in die Gelege des Maiszünslers, die daraufhin absterben. Dieses Verfahren ist umweltfreundlich, ungefährlich für Bienen und andere Nützlinge und ohne Umweltauflagen nutzbar.

Im Jahr 2013 wurden auf 30 Hektar eines Testbetriebs südlich von Freiburg deshalb erstmals Trichogramma-Kugeln mit einem Multikopter ausgebracht. Seit dieser erfolgreichen Premiere wächst die so behandelte Fläche rasant: über rund 1.000 Hektar im Folgejahr bereits auf mehr als 4.000 Hektar allein im Südwesten Deutschlands im Jahr 2015 – und die Akzeptanz steigt weiter, obwohl derzeit nur zwei Bundesländer den Trichogramma-Einsatz finanziell fördern. (1)

Mit nur 3 bis 4 Minuten pro Hektar und Ausbringungskosten von rund 12 Euro pro Hektar und Anwendung hat sich das Verfahren schnell etabliert. Hier bündeln sich die Vorteile des umweltschonenden Nützlingseinsatzes mit der schnellen, Boden und Pflanzen schonenden Ausbringung aus der Luft zu fast unschlagbaren Argumenten für das Multitalent „Multikopter“.

Allerdings bleiben selbst in Zeiten von Hightech-Koptern die Kontrolle des Befalls, eine gute Beratung, die gute fachliche Praxis im Ackerbau und dasmöglichst feine Häckseln der Stängelreste bei bzw. nach der Ernte des Mais für einen nachhaltigen und erfolgreichen Maisanbau entscheidend

 

(1) Baden-Württemberg (FAKT), Rheinland-Pfalz (EULLE), https://www.saaten-union.de/index.cfm/article/9186.html

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 10. August