Guten Appetit!? – Die fünf Megatrends in der Welternährung

21. September 2018 11:50

Der Handel ändert sich – und unser Essen ebenso. Agrando ist ein Beispiel dafür, dass sich etwa im Landhandel mit der Digitalisierung eine Entwicklung vollzieht, die unsere Gesellschaft und Wirtschaft insgesamt verändert. Die Digitalisierung ist deshalb aktuell – bildlich gesprochen – „in aller Munde“. So soll es auch fünf „neuen“ Nahrungsmitteln gehen: Das World Economic Forum sieht nämlich fünf Trends, die bei der Ernährung in Zukunft nicht nur sprichwörtlich, sondern ganz real „in aller Munde“ sein sollen (1).

Das eine oder andere hier vorgestellte Produkt mag für die deutsche oder europäische Esskultur noch befremdlich klingen, aber Tatsache ist, dass beispielsweise Insekten heute schon für rund 2 Milliarden Menschen zum „täglichen Brot“ gehören.
Aber der Reihe nach: Das Worl Economic Forum sieht Heuschreckenriegel, Kernza-Brot, rein pflanzliche Burger, Algenöl und „saubere Chicken Nuggets“ als die fünf Megatrends in der Ernährung weltweit – und so macht es Sinn, diesen Produkten einmal „auf den Zahn zu fühlen“.

 

Insekten stehen – siehe oben – für mehr als jeden vierten Erdenbürger bereits heute auf dem Speiseplan. Der Charme von Heuschreckenriegeln & Co: Ein deutlich höherer Proteingehalt als Rindfleisch, Vollversorgung mit Protein, viele Mikronährstoffe, hohe Ressourceneffizienz – die Zahlen sind beeindruckend. Rund 25 kg Futter braucht es für ein kg Rindfleisch, aber nur 2 kg Futter für ein kg Grillen; die Produktion von Grillen erfordert im Vergleich zu Rindfleisch nur acht Prozent der Landfläche, weniger als zwei Prozent des Wassers und verursacht weniger als ein Prozent der Treibhausgase (2). Das sind starke Argumente! Allein der Gedanke – und gegebenenfalls das Aussehen – sind hierzulande noch gewöhnungsbedürftig.

 

Ganz so weit ist Kernza-Brot noch nicht, aber das Potenzial macht zumindest neugierig. Kernza, botanisch Thinopyrum intermedium, ist ein mehrjähriges Weizengras, das auch vom Nährwert dem uns vertrauten Weizen ähnelt. Das Ende des 20. Jahrhunderts in den USA aus wilder Grassaat domestizierte Kernza liefert bis zu fünf Ernten nacheinander – ohne neue Einsaat. Das geerntete Korn kann gemahlen und zur Zubereitung vielfältiger Produkte verwendet werden. Und, eine besondere Eigenschaft: aufgrund des enorm umfangreichen Wurzelwerks speichert Kernza sehr viel mehr CO2 im Boden als Weizen. Allein der Ertrag pro Hektarlässt noch zu wünschen übrig. Während bei Weizen im weltweiten Durchschnitt 3,4 Tonnen pro Hektargeerntet werden können, braucht es heute noch optimale Bedingungen, um bei Kernza gerade einmal knapp eine Tonne pro Hektar und Jahr zu ernten. Hier liegt also noch viel Arbeit vor den Pflanzenzüchtern, aber Saatgut soll schon ab 2019 generell verfügbar sein … (3)

 

Das „fleischfreie Fleisch“ der rein pflanzlichen Burger soll, dem Molekül Häme sei Dank, wie echtes Fleisch schmecken. Auch Aussehen, Textur und das Geräusch beim Hineinbeißen – alles soll „echt“ sein. Dieses Molekül, eine Komplexverbindung, findet sich in vielen Proteingruppen – und eben im Veggie Burger. Auch in diesem Produkt soll ein enormes Potenzial zur Entlastung der Umwelt stecken: So würden 95 Prozent weniger Nutzfläche und 74 Prozent weniger Wasser benötigt sowie 87 Prozent weniger Treibhausgase emittiert, wenn der Veggie Burger den gewohnten Burger ersetzt, heißt es etwa bei Impossible Foods (4).

 

Auch Algenöl, der vierte vom World Economic Forum erkannte Megatrend, soll weiter an Bedeutung gewinnen. Der hohe Gehalt an Omega-3-Fettsäuren, die für den Menschen essenziell sind, macht dieses Algenöl so besonders. Es kann in Aquakulturen produziert werden und so eine Entlastung für die durch Überfischung bedrohten Meeresbewohner schaffen. Weltweit werden bereits rund 21 Millionen Tonnen Mikroalgen pro Jahr produziert. Im Vergleich zu dem potenziellen Bedarf ist dies noch nicht wirklich viel, und die Produktion hat beispielsweise in Deutschland auch noch keine wirtschaftliche Bedeutung. Allerdings ist Algenöl als Beimischung und Nahrungsergänzung heute bereits in verschiedenen Lebensmitteln wie Backwaren, Müsliriegeln, Milchersatzerzeugnissen, Streichfetten oder Salatsaucen enthalten (5).

 

Recht gewöhnungsbedürftig ist schließlich auch Megatrend Nummer fünf – die sauberen Chicken Nuggets. Hinter diesem Begriff verbirgt sich das, was man auch als Laborfleisch oder „in-vitro-Fleisch“ (IVF) nennen könnte: Stammzellen aus Muskelgewebe sind hier die Grundlage, aus der in einer Nährlösung bislang vergleichsweise kleine Fleischstückchenerzeugt wurden. Die Produktion größerer Stück scheitert bislang noch daran, dass dazu in dem Gewebe Blutbahnen vorhanden sein müssten – und so weit sind die Fortscher noch nicht. Aber: Im Jahr 2013 wurde das erste gebratene Rinderhackfleisch aus Stammzellenpräsentiert (6). Dessen Vorteil: Bei Hackfleisch fällt nicht auf, dass die verarbeiteten Fleischstücke so klein waren. Auch wenn das World Economic Forum hier einen globalen Trend erkennt: In Deutschland ist man noch etwas skeptischer: „Im Bericht des Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag wird festgestellt, nach Einschätzung von Experten sei die zukünftige Massentauglichkeit von IVF noch unklar und eine Marktfähigkeit des künstlichen Fleisches sei frühestens in 10 bis 20 Jahren zu erwarten." (7)

 

Fazit: Digitalisierung und digitaler Agrarhandel sind derzeit deutlich weiter als die meisten der vom World Economic Forum benannten Megatrends!

 

(1) https://www.facebook.com/worldeconomicforum/videos/2228041860805760/
(2) http://swarmprotein.com/
(3) https://www.bestfoodfacts.org/what-is-kernza/
(4) https://medium.com/impossible-foods/the-mission-that-motivates-us-d4d7de61665
(5) https://www.bzfe.de/inhalt/algenoel-1046.html​​​​​​​​​​​​​​
(6) https://www.bundestag.de/blob/546674/6c7e1354dd8e7ba622588c1ed1949947/wd-5-009-18-pdf-data.pdf​​​​​​​
(7) https://www.bundestag.de/blob/546674/6c7e1354dd8e7ba622588c1ed1949947/wd-5-009-18-pdf-data.pdf

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 21. September