Miteinander für Biodiversität

May 31, 2019, 3:35 p.m.

18,4 Prozent der Wahlberechtigten in Bayern haben sich im Februar dieses Jahres für das Volksbegehren Artenvielfalt eingetragen. Die entscheidende Frage ist nun: Wie lässt sich das Ziel „mehr Artenvielfalt“ gemeinsam und im Konsens erreichen, statt weiterhin den schwarzen Peter hin und her zu schieben?

Mit dieser Frage hat sich im November 2018 die Tagung „Naturschutz und Landwirtschaft im Dialog – Biodiversität im Ackerbau“1 von BfN-INA auf der Ostseeinsel Vilm befasst. Daran war die landwirtschaftliche Praxis ebenso vertreten wie Wissenschaft, Beratung, Politik und Verwaltung.

Die Einkommenssicherung wurde als eine entscheidende Voraussetzung für die landwirtschaftlichen Betriebe benannt. Maßnahmen, die auf Ackerflächen ergriffen werden, um die Biodiversität zu fördern, bedeuten i.d.R. einen höheren Aufwand bei gleichzeitig sinkenden Erträgen. Die daraus resultierenden Verluste müssen kompensiert werden.

Mit der Inanspruchnahme von bestehenden Fördermöglichkeiten zur Entschädigung von Mehraufwendungen und Mindererträgen ist häufig ein beachtlicher bürokratischer Aufwand verbunden. Mangelnde Flexibilität der Programme und die Furcht, Fehler bei den Antragsformalitäten zu machen, wirken als Hemmschuhe. Dies gilt insbesondere dann, wenn Fehler bei den Anträgen zur anteiligen Streichung von Fördergeldern führen können. Hier könnten Antragsgemeinschaften helfen, den Aufwand für den Einzelbetrieb zu reduzieren.

Planungssicherheit ist eine Voraussetzung für langfristige betriebliche Entwicklungen – kann aber auch nur durch Kontinuität bei der Gestaltung von Beratung und Förderung garantiert werden. Streng befristete Förderprogramme werden für langfristig angelegte Investitionen in eine biodiversitätsfördernde Landwirtschaft dagegen eher als kontraproduktiv angesehen.

»Anhand der Wertigkeit von Maßnahmen und der Größe der Flächen ließe sich ein Biodiversitätsbetriebswert zur Bemessung der jeweiligen Förderung ermitteln.«

Mehr Flexibilität wäre mit einem Maßnahmen- und Punktekatalog möglich, aus dem jeweils für den Einzelbetrieb und den umgebenden Naturraum passende, wissenschaftlich fundierte Maßnahmen ausgewählt werden können. Anhand der Wertigkeit von Maßnahmen und der Größe der Flächen ließe sich ein Biodiversitätsbetriebswert zur Bemessung der jeweiligen Förderung ermitteln. Ein solches Punktesystem würde es erlauben, den Schutz der Biodiversität in der Kulturlandschaft mit einen messbaren Wert zu versehen und so die Fördergelder der öffentlichen Hand effektiv in öffentliche Güter zu investieren.

Eine erfolgreiche Kommunikation zwischen Landwirtschaft sowie Umwelt- und Naturschutz bedarf einer gemeinsamen Wissensbasis, um Missverständnisse oder pauschale Verurteilungen zu vermeiden.

Auch die Bewusstseinsbildung gehört auf allen Seiten dazu: Ökologische Fachkenntnisse sind ebenso erforderlich wie das Wissen über landwirtschaftliche Betriebsabläufe, Praktiken und ökonomische Gegebenheiten. Ein intensiver Austausch sowie gemeinsame Lehrmodule der verschiedenen Fachrichtungen könnten auch in der Weiterbildung gemeinsame Angebote schaffen.

Eine moderne, unabhängige Pflanzenschutzberatung sollte auf Grundlage der Prinzipien des Integrierten Pflanzenschutzes erfolgen und von breit ausgebildeten, zertifizierten, von unabhängiger Stelle finanzierten Beratern/Innen durchgeführt werden. Neben der etablierten Pflanzenschutzberatung der zuständigen Länderbehörden wird auch die Einrichtung einer unabhängigen Umwelt- und Biodiversitätsberatung empfohlen. Sie sollte möglichst verpflichtend sein und etwa im Rahmen von Sachkundeschulungen erfolgen.

»Ein aktives Netzwerk von „Biodiversitätsberatern“ […] wird als wünschenswert erachtet.«

Vernetzung der in den 16 Bundesländern sowie auf lokaler Ebene tätigen unterschiedlichsten Akteure und positive Öffentlichkeitsarbeit, um über Positivbeispiele zu berichten. Ein aktives Netzwerk von „Biodiversitätsberatern“, die sich aktiv und regelmäßig mit allen Beteiligten austauschen („Biodiversitätsstammtische“), wird als wünschenswert erachtet. Das sollte durch positive Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden.

Landwirte/Innen schaffen Werte: Sie sichern unsere Ernährung, prägen unsere Kulturlandschaft durch ihre Wirtschaftsweise und sind damit mitverantwortlich für die Lebensräume vielfältiger Tier- und Pflanzenarten in der Agrarlandschaft. Die Empfehlung hier: Eine stärkere Honorierung tatsächlich erbrachter ökologischer Leistungen für die Gesellschaft, etwa durch gezielte Umwidmung von Geldern aus der GAP-Förderung, würde mehr Spielraum für eine umweltfreundlichere und biodiversitätsschonende Wirtschaftsweise schaffen.

Die Förderung der Diversität in der Agrarlandschaft durch erweiterte Fruchtfolgen oder eine höhere Vielfalt an Kulturpflanzen erfordert auch die Anpassung der Absatzmärkte. Der Lebensmitteleinzelhandel ist gefordert, die Endverbraucher davon zu überzeugen, die entsprechend erzeugten Produkte nachzufragen. Dazu wird die Einrichtung von Gütesiegeln für besonders biodiversitätsfördernde Anbauweisen empfohlen, um die gestiegenen Produktionskosten und den Ausgleich reduzierter Einnahmen über die Produktpreise an die Verbraucher weiterzugeben.

Eine Veränderung hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise auf den Äckern erfordert auch die Förderung von Investitionen in die Ausstattung der landwirtschaftlichen Betriebe. Gefördert werden sollten beispielsweise Investitionen in innovative Pflanzenschutzgeräte, Technik zur Aufbereitung, Aufwertung und emissionsarmen Ausbringung von Wirtschaftsdüngern sowie die Entwicklung von angepassten Hacken für die mechanische Unkrautbekämpfung. Als ebenso dringend wird erachtet, alternative Problemlösungen für Insektenbefall oder Pilzerkrankungen zu entwickeln, die im Sinne des Integrierten Pflanzenschutzes synthetische Pflanzenschutzmittel ersetzen können.

So sinnvoll die vorgeschlagenen Maßnahmen auch sein mögen: Zu deren breitflächiger Umsetzung mit entsprechender finanzieller Beteiligung über alle Stufen der Kette bis hin zum Endverbraucher ist es derzeit wohl noch ein weiter Weg.

 

1 https://www.bfn.de/fileadmin/BfN/ina/Dokumente/Tagungsdoku/2018/2018-Vilm_11Punkte_final_clean.pdf

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 31. May