Neophyten - Unerwünschte Biodiversität!?

11. Januar 2019 14:52

Internationaler Verkehr und Handel bringen sie mit sich: Fremde Tier- und Pflanzenarten – deren Zuzug keineswegs immer von Vorteil ist. Viele „invasive gebietsfremde Arten“ haben hier keine natürlichen Feinde und können sich so – auf Kosten heimischer Arten – ungehindert ausbreiten. Persischer Bärenklau, Riesenbärenklau, Drüsiges Springkraut und Durchwachsener Knöterich sowie Waschbär, Nutria oder Amerikanischer Ochsenfrosch sind nur einige Vertreter auf der EU-Liste der zu bekämpfenden invasiven Arten. Die 2016 in Kraft getretene Liste wurde schon im Jahr 2017 erstmals erweitert und enthält heute insgesamt 23 unerwünschte Pflanzen- und 26 unerwünschte Tierarten (1). Fachleute gehen davon aus, dass sich der Trend zu weiteren Arten und deren Ausbreitung fortsetzen wird.

Die entsprechende EU-Verordnung Nr. 1143/2014 (2) und die EU-Liste stellen eine für alle Mitgliedsstaaten rechtsverbindliche Handlungsgrundlage zum Schutz der biologischen Vielfalt vor invasiven Arten dar. Und das betrifft auch Deutschland, denn hier wurden bislang wurden mindestens 32 der gelisteten Arten auch schon in Deutschland wildlebend nachgewiesen.

Dr. Jörg Hoffmann von dem heutigen Thünen-Institut hat sich bereits 2003 intensiv mit gebietsfremden Pflanzenarten befasst. (3) Nach seiner Auffassung tragen viele nichtheimische Pflanzenarten durchaus zu der heutigen Ausprägung der Flora in den Kulturlandschaften Deutschlands bei. Sie sind wie Kartoffel, Mais oder auch verschiedenste Zierpflanzen bewusst hier eingeführt worden – oder wurden über Saat- und Pflanzgut, den Warenaustausch und -transport oder auch die Einfuhr von Futtermitteln unbeabsichtigt eingeschleppt.

Probleme mit gebietsfremden Arten ergeben sich nach seiner Einschätzung insbesondere dann, wenn sie invasiv sind, das heißt mit einer deutlichen Ausbreitungstendenz in neue Lebensräume vordringen und dort Schäden verursachen. Das gilt sowohl für naturnahe Lebensräume als auch für land-, forst- oder wasserwirtschaftlich genutzte Gebiete. Pflanzen, die beispielsweise besonders kurze Entwicklungszyklen und hohe Vermehrungsraten oder ein starkes Wachstum etwa durch Ausläuferbildung aufweisen, die schnell freie ökologische Nischen besetzen und sich aufgrund hoher Konkurrenzkraft oder fehlender natürlicher Feinde beinahe ungebremst ausbreiten können, verdrängen so heimische Arten.

Der Autor weist daraufhin, dass mit den Neophyten durchaus auch positive Effekte verbunden sein können. Dazu zählen nach seiner Einschätzung beispielsweise die Bereicherung der Arten- und Blütenvielfalt auf stark vom Menschen geprägten Standorten und die damit einhergehende Ausweitung des Pollen- und Nektarangebots für Insekten, ein verbesserter Erosionsschutz durch raschwüchsige Unkrautarten oder auch eine höhere Flexibilität der Vegetation im Hinblick auf den Klimawandel aufgrund von Arten mit unterschiedlichem Anpassungsvermögen.

 

Trotz dieser denkbaren positiven Effekte schafft die EU-Liste eine klare Handlungsgrundlage für konkrete Maßnahmen „zur Prävention und zum Management der Einbringung und Ausbreitung gebietsfremder invasiver Arten“. Zu den präventiven Maßnahmen gehören selbst in geschlossenen Systemen geltende Transport-,Haltungs-, Vermehrungs- und Vermarktungsverbote. Für die Forschung und medizinische Anwendungen können hier unter Umständen aber Ausnahmegenehmigungen erteilt werden.

Werden gebietsfremde invasive Arten auf dem Territorium eines EU-Mitgliedstaats gefunden, sind zunächst die Eintragspfade zu ermitteln und geeignete Gegenmaßnahmen gegen eine entsprechende Kontaminierung von Transportfahrzeugen oder Waren etc. zu ergreifen. Falls Beseitigungsmaßnahmen nach Artikel 17 der EU-Verordnung erforderlich sind, „stellen die Mitgliedstaaten sicher, dass die angewendeten Methoden die vollständige und dauerhafte Beseitigung der Population der betreffenden invasiven gebietsfremden Arten – unter angemessener Berücksichtigung der menschlichen Gesundheit und der Umwelt und insbesondere der Nichtziel-Arten und ihren Lebensräumen – gewährleisten und dass Tieren vermeidbare Schmerzen, Qualen oder Leiden erspart bleiben. (4)

In Artikel 19 der EU-Verordnung sind die Fälle geregelt, in denen es nicht um die vollständige Beseitigung, sondern um das Management gebietsfremder invasiver Arten geht. Entsprechende Maßnahmen umfassen sowohl tödliche als auch nicht tödliche physikalische, chemische und biologische Maßnahmen, mit denen Populationen beseitigt, kontrolliert oder eingedämmt werden können. Dazu können auch weitere Maßnahmen gehören, die etwa die Widerstandsfähigkeit des betroffenen Ökosystems gegen aktuelle und künftige Invasionen stärken sollen. (5)

So wurde etwa im Landkreis Harz im Jahr 2009 die Modellregion „Neophytenfreies Selketal“5;mit dem Ziel gegründet, die eingewanderten Arten Riesenbärenklau und Buntes Springkraut weitestgehend zu entfernen; beide Arten sind hier inzwischen am Rande des Erlöschens. Auch in dem Projekt „Envisage“ geht es seit Mai 2016 und noch bis in den April 2019 um die Erfassung und das Management invasiver Neophyten auf landwirtschaftlichen Nutzflächen. (6)

Von der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen wurde 2017 ein Maßnahmenblatt zum Management von Neophyten im Grünland (7) publiziert. Hier werden Hintergründe erläutert und Hinweise zur Umsetzung von Maßnahmen gegeben. Darüber hinaus werden die Unteren Landschaftsbehörden als Ansprechpartner benannt, bei denen eventuell verfügbare projektbezogene Fördermittel zur Bekämpfung von Neophyten erfragt werden können. Über verschiedene Links sind hier weiterführende Informationen zugänglich.

 

(1) http://neobiota.bfn.de/unionsliste/art-4-die-unionsliste.html
(2) https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32014R1143&from=DE
(3) https://literatur.thuenen.de/digbib_extern/zi032685.pdf
(4) https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32014R1143&from=DE
(5) http://www.kreis-hz.de/de/neophytenbekaempfung.html
(6) http://neophyten-in-der-landwirtschaft.de/
(7) https://www.landwirtschaftskammer.de/landwirtschaft/naturschutz/biodiversitaet/neophyten/index.htm

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 11. Januar