Pflanzenzüchtung am Scheideweg

Feb. 22, 2019, 3:43 p.m.

Das soll mal einer verstehen: Bisherige Methoden in der Pflanzenzüchtung, bei denen spontane, also ungerichtete Mutationen nach dem Zufallsprinzip ausgelöst werden, bleiben als alte und bewährte Techniken wie bisher als GVO eingestuft. Allerdings greifen hier die rechtlichen Vorgaben zur Zulassung und Kennzeichnung von GVO weiterhin nicht.

Solche Spontanmutationen können etwa durch eine Bestrahlung oder die Anwendung erbgutverändernder Chemikalien angeregt werden. Mit Blick auf Pflanzen, die mit neuen Verfahren wie der sogenannten Genschere CRISPR/Cas oder dem Genome Editing erzeugt werden, hat der Europäische Gerichtshof am 25. Juli 2018 überraschend eine andere Entscheidung gefällt. Sie sind als GVO, als genetisch veränderte Organismen, anzusehen, für die die aufwendigen rechtlichen Vorgaben zu Zulassung und Kennzeichnung in vollem Umfang gelten sollen.

 

Dazu meint der studierte Chemiker Lars Fischer, Redakteur bei ‘Spektrum.de‘, in seinem Beitrag „Der lange Schatten der Ideologen“, dass dieses Urteil „samt seiner kuriosen Begründung zeigt, dass Fakten allein nicht reichen.“ Die Wissenschaft müsse sich dem Kampf um ihre weltanschauliche Grundlage stellen.1

 

Angesichts der möglichen Bedeutung der neuen Züchtungsverfahren lohnt es, genauer hinzuschauen. Die nach Anwendung von CRISPR/Cas & Co. entstehenden Pflanzen sind nämlich nachher zumeist nicht von solchen Pflanzen zu unterscheiden, die durch natürliche Mutationen oder bei den Pflanzenzüchtern durch Mutationen infolge der Anwendung von chemischen Substanzen oder Bestrahlung entstanden sind.
Dazu verweist der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter e. V. (BDP) auf einen großen Nachteil der bisher in der klassischen Züchtung genutzten Verfahren: Man habe hier keinen Einfluss darauf, „welche Eigenschaften wie verändert und ausgeprägt werden. Das macht den Prozess mühselig und aufwendig.“ 2

In diesem Punkt unterscheidet sich CRISPR/Cas grundlegend von den bisherigen Methoden. Das Kürzel steht für eine neue, molekularbiologische Methode, mit deren Hilfe sich das Erbgut, die DNA, gezielt schneiden und verändern lässt. Diese ursprünglich aus Bakterien stammende natürliche „Gen-Schere“ funktioniert in nahezu allen lebenden Zellen und Organismen.

Sie ermöglicht, dass „einzelne Gene – genauer: DNA-Bausteine – umgeschrieben oder ‘editiert‘ werden“.3

Wenn also die DNA mit diesem Verfahren gezielt verändert werden kann, scheint eine Einordnung der damit erzeugten Pflanzen als GVO zunächst nicht abwegig. Der Gesetzgeber hat allerdings bei den bisherigen Verfahren GV als genetisch verändert und damit als eine vom Menschen gemachte Veränderung definiert, die auf natürlichem Weg nicht möglich ist. Auf dieser Grundlage gelten die Pflanzen, die mit den bisher genutzten Züchtungsverfahren erzeugt werden, als natürliche Züchtungen. Sie fallen nicht unter das Gentechnikgesetz. Denn schließlich beruht ein großer Teil der natürlichen Vielfalt auf solchen tagtäglich von Natur aus vorkommenden Mutationen.

Denkt man dies konsequent weiter, und so hat es der Generalanwalt dem EuGH empfohlen, dann würden auch die Mutagenese mittels CRISPR/Cas und ähnliche Verfahren nicht unter das Gentechnikgesetz fallen. Dann könnten die damit erzeugten Sorten ohne gentechnikrechtliche Zulassungsverfahren vermarktet und angebaut werden.

Lars Fischer kommt in seinem Beitrag zu dem Schluss, dass die Begründung des EuGH wenig Sinn mache, da die Argumentation auch genau umgekehrt geführt werden könnte:

Man weiß, dass klassische zufallsgetriebene Mutagenese, die nur Mutationen erzeugt, statt fremdes Erbgut einzuführen, sicher ist, also ist das gezielte Gene Editing auch sicher. Oder wieder andersherum: Alle Verfahren, die Mutationen erzeugen, müssten so streng reguliert werden wie solche, die fremdes Erbgut einführen. Die Ungleichbehandlung mit diesem Argument zu rechtfertigen, ergibt jedoch schlicht keinen Sinn."1

Für die Pflanzenzüchtung in Deutschland und Europa erwächst aus diesem Urteil des EuGH auf jeden Fall eine Reihe von Problemen:

Wenn das genutzte Verfahren an der fertigen Pflanze nicht nachvollziehbar ist, d. h. in beiden Fällen exakt das gleiche Ergebnis vorliegen kann, wie soll dann der Nachweis geführt werden, dass eine Pflanze kein genehmigungspflichtiger GVO ist?
Das heißt konkret, wie soll nachgewiesen werden, dass diese Pflanze nicht mit CRISPR/Cas, sondern nur mittels einer natürlichen oder einer ungezielt induzierten Mutagenese erzeugt wurde?
Und was bedeutet das bei Pflanzenmaterial, das Züchter aus anderen Ländern – mit anderen rechtlichen Rahmenbedingungen – beziehen?
Wie sollte der Nachweis „GVO-frei“ in solchen Fällen geführt werden können?

Mit dieser Entscheidung hat der EuGH ein Problem geschaffen, für das derzeit noch keine Lösung in Sicht ist.

 

1 https://www.spektrum.de/kolumne/der-lange-schatten-der-ideologien/1580714
2 https://www.bdp-online.de/de/Ueber_uns/Our_positions/2018-12-21_Kompaktinformation_neue_Zuechtungsmethoden.pdf
3 https://www.transgen.de/forschung/2564.crispr-genome-editing-pflanzen.html

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 22. February