Zwischen Realität und Virtualität in der Landwirtschaft

Aug. 9, 2019, 3:15 p.m.

Künstliche Welten bzw. „Virtuelle Realitäten" (engl. Virtual Reality oder VR) begegnen uns derzeit meist in Romanen, Kinofilmen oder Computerspielen. Aufgrund der zunächst noch beschränkten Darstellungsmöglichkeiten dieser Medien ist es momentan noch einfach feststellbar, ob es sich um künstliche Welten oder um die Realität handelt.

„Diese klare Grenze wird aber künftig durch innovative Technologien wie „Erweiterte Realität"(engl. Augmented Reality oder kurz AR) […], zunehmend verschwimmen“, erläutert Prof. Dr. Michael Clasen von der Hochschule Hannover1.

Bei der Augmented Reality geht es darum, dass „physische Objekte identifiziert und mit passenden Informationen angereichert werden.2 In der Landwirtschaft hieße das, künftig Gebäude, Landmaschinen oder Ländereien durch eine Virtual-Reality-Brille oder mit einer App durch die Smartphone-Kamera betrachten zu können und sich zu dem Gesehenen passende Informationen anzeigen zu lassen. Auch könnten Bilder und Daten eines Feldes mit Soll-Informationen oder Daten des Vorjahrs abgeglichen werden. Dies könnte dann auch noch ergänzt werden mit Details darüber, welcher Acker wie viel Wasser oder Dünger verbraucht hat.

Entscheidungen und Herausforderungen simulieren

Außerdem könnten in der Zukunft sämtliche Entscheidungen zunächst virtuell in einer Art Computerspiel durchgeführt bzw. simuliert werden. Erst wenn feststeht, dass das Ergebnis zufriedenstellend ist, wird die Tätigkeit automatisch in der Realität durchgeführt.

Ein Beispiel hierfür ist laut Prof. Clasen, den Landwirten beim Ausüben monotoner Tätigkeiten, wie etwa der Bodenbearbeitung eines großen Ackerschlags, künftig die Möglichkeit zu geben, neue Aufgaben zu erlernen und schwierige Situationen zu meistern.

Aber wie?

Denkbar wäre, den Landwirten realitätsnahe Herausforderungen, wie schwer zu befahrende feuchte Stellen oder ungewöhnliche Schlaggeometrien, per Computer einzuspielen. Der Traktor erledigt dabei seine monotone Aufgabe weitgehend autonom und der Traktorfahrer spielt gleichzeitig quasi ein Computerspiel auf der Windschutzscheibe und verbessert dabei sein Fahrtalent. Solche geplante, sogenannte Head-up-Displays existieren bereits seit Jahrzehnten in Kampfjets und kommen zunehmend auch in modernen PKWs zum Einsatz. Dabei werden Informationen wie z.B. zur Navigation direkt in das Sichtfeld des Fahrers auf die Windschutzscheibe des PKWs projiziert. Der Vorteil: Der Fahrer kann die zusätzlichen Informationen wahrnehmen, ohne den Blick von der Straße wenden zu müssen. Dies wäre laut Prof. Dr. Clasen künftig auch bei Traktoren möglich und im Notfall, wenn die Automatik an ihre Grenzen stößt, wäre der Landwirt sofort zur Stelle und könnte die Steuerung manuell übernehmen.

Gläserne Variante

Eine allgemeinere einsetzbare Variante dieser Technologie wären Datenbrillen, wie die Google-Brille (Google Glass). Diese werden zum Beispiel bei der Kornmissionierung von Lieferungen eingesetzt. Der Lagermitarbeiter bekommt zur jeweils richtigen Zeit eingeblendet, welche Waren er zusammenstellen soll und behält beide Hände für seine Tätigkeit frei.

Wie geht’s weiter?

„Der nächste […] Schritt, an dem bereits erfolgreich geforscht wird, wären Kontaktlinsen, in die visuelle Informationen eingeblendet werden können“, erklärt Prof. Clasen. Deutlich weiter von einer Serienreife entfernt seien sogenannte „Volumetrie Displays", mit denen virtuelle Welten dreidimensional dargestellt werden sollen. Weiterentwicklungen dieser „Volumetrie Displays" könnten vielleicht einmal als Vorstufen eines künftigen „Holodecks" bezeichnet werden, wie wir es aus Science-Fiction Serien wie Raumschiff Enterprise kennen.

Tierische Virtualität

Eine weitere, aber ethische problematische Anwendung in der Landwirtschaft wäre auch Tieren eine künstliche Wirklichkeit vorzuspielen. Dadurch könnte das Verhalten der Tiere in gewünschter Weise beeinflusst oder ihr Wohlbefinden gesteigert werden. Diese Gedankenexperimente kommen denen im Kinofilm „Matrix" recht nahe, in dem Menschen zur Energiegewinnung gehalten, ihnen aber eine „schöne Realität" vorgegaukelt wurde. Man muss wohl nicht alles umsetzen, was technisch machbar sein wird. Aber es beginnt die Zeit einmal über die Möglichkeiten nachzudenken und eine gesellschaftliche Diskussion darüber zu führen.

 

1 Prof. Dr. M. Clasen (2019): Handgriffe digital üben? In BLW Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt, erschienen am 26.07.2019.
2 https://www.computerwoche.de/a/digitalisierung-in-der-landwirtschaft,3226796

Autor Anna Bouten
2019 09. August