Farming – nie mehr „un-smart“!?

March 16, 2020, 4:58 p.m.

Smart Farming ermöglicht Agrarbetrieben, Zeit und Ressourcen zu sparen bzw. optimaler zu nutzen. Dabei geht es nicht um die Größe eines Betriebes. Gerade auch kleinere und mittlere Höfe können sich mit intelligenten Lösungen entscheidende Wettbewerbsvorteile sichern. Einige davon, wie zum Beispiel Agrando, erfordern auch keine zusätzliche Technik.

 

Manche nennen es die „Dritte Grüne Revolution“: Gemeint ist die Anwendung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) in der Landwirtschaft. Dabei behalten die Grundlagen der ersten und zweiten grünen Revolution – also Pflanzenernährung, Pflanzenschutz und Züchtung bzw. dann Gen- und Biotechnologie – ihre Bedeutung und Funktion; allerdings können sie dank ITC noch präziser und damit ressourceneffizienter genutzt werden.

 

Was ist Smart Farming, was gehört dazu, und welche Herausforderungen sind zu bewältigen?

Neben Smart Farming werden auch Begriffe wie Digital Farming und Landwirtschaft 4.0 genutzt. In allen Fällen wird damit die Anwendung von Informations- und Datentechnologien zusammengefasst, mit denen komplexe landwirtschaftliche Systeme besser verstanden und genutzt werden können.

Dies gilt im Präzisions-Pflanzenbau genauso wie für Precision Livestock Farming als zwei Elementen von Smart Farming. Die Vernetzung von intelligenter Landtechnik und moderner Datentechnologie ermöglicht einen an den jeweiligen Standort angepassten Pflanzenbau, ein gezieltes und bedarfsgerechtes Herdenmanagement und somit – als ganz wesentlichen Aspekt – wissensbasierte Entscheidungen für effizientere Produktionsprozesse.

 

Drei Elemente gehören dazu: 

• Management-Informationssysteme, mit denen Daten gesammelt, bearbeitet, analysiert, gespeichert und kommuniziert werden können. 

• Werkzeuge für das Präzisionsmanagement, also etwa GPS, Luftbilder sowie unterschiedlichste Sensoren in Feld und Stall, mit denen sich die räumliche, zeitliche und individuelle Variabilität erfassen und managen lässt. 

• Automatisierung und Robotik: Abläufe erfolgen – zunehmend mit künstlicher Intelligenz – autonom.

 

Eine besondere Herausforderung besteht bei Smart Farming darin, aus der Vielzahl der generierten Daten die wirklich wichtigen Elemente herauszufiltern, statt in der Flut der Daten den Überblick zu verlieren. Zunehmend kommen deshalb Farm-Management-Systeme wie Agrar-Apps oder Online-Plattformen auf den Markt. Hier werden Daten und Prozesse automatisiert und auf Basis betriebsspezifischer Eckdaten wie beispielsweise Düngekarten, die in das System einfließen, individuell optimiert.

Wie und warum eine solche „Auslagerung“ von Prozessen höchst sinnvoll ist, zeigt beispielsweise die Online-Handelsplattform Agrando: Individuelle Betriebs- und Marktanalysen, Produkt- und Preisvergleiche – alles wird zeit- und ortsunabhängig ausgelagert und digital dokumentiert. Für den einzelnen Landwirt geht das unter anderem mit effizienteren Handelsabläufen und besseren Kaufentscheidungen einher.

 

Morgen schon alles digital?

Das Internet der Dinge (IoT), Sensoren und Aktoren, Geo-Positionierungssysteme, Big Data, Drohnen, Robotik – die Liste der Werkzeugen ist lang und wächst ständig weiter. Das Potenzial wird aber noch sehr unterschiedlich genutzt. Während in den USA 20–80 % der Landwirte Elemente und Werkzeuge des Smart Farming nutzen, ist dies in Europa bislang nur rund ein Viertel (0–24 %).

Die Digitalisierung, so heißt es, nehme aber mit einer enormen Dynamik an Fahrt auf: „Gerade in der Landwirtschaft sprechen die Zahlen über den digitalen Fortschritt für sich: Bereits im Jahr 2015 wurden 30 Prozent der Wertschöpfung bei Landmaschinen weltweit mit Software, Elektronik und Sensorik erreicht – und die Automobilindustrie um das Dreifache übertrumpft.“

Eine Reihe von Gründen spricht dafür, dass die Nutzung der IoT-Technologie für eine intelligente Landwirtschaft im globalen Maßstab tatsächlich unverzichtbar wird. Das gilt etwa in Anbetracht der Herausforderung, eine Balance zwischen Klima-, Boden-, Wasser- und Naturschutz sowie einer effizienten und produktiven Landnutzung zu finden, die auch die 9,8 Milliarden Menschen ernähren kann, von denen die Vereinten Nationen für das Jahr 2050 ausgehen.

 

Wachsen, weichen oder „smart werden“?

Die globalen Trends scheinen klar. Was aber bedeutet das für Landwirte hierzulande? Wirtschaftliche Grenzen aufgrund der Erlössituation, Konkurrenz durch Bodenspekulation und landwirtschaftsfremde Investoren, Behinderung durch zum Teil überbordende Bürokratie und endlose Genehmigungsprozesse, Bürgerinitiativen gegen Ställe und Biogasanlagen: betriebliches Wachstum ist für viele Landwirte im Moment keine Option.

Gleichzeitig verlangen Politik und Gesellschaft mehr Tierschutz, mehr Biodiversität, weniger Dünger und weniger Pflanzenschutz: Die wohl unausweichliche Konsequenz wird unter diesen Umständen sein, dass der Strukturwandel – weg von dem gesellschaftlich doch angeblich so gewünschten Familienbetrieb – ungebremst oder sogar beschleunigt weitergehen wird.

Für Landwirte, die ihre Betriebe trotz dieser Rahmenbedingungen erhalten und entwickeln können und wollen, zeichnet sich mit Smart Farming allerdings eine Möglichkeit ab, innerbetriebliche Potenziale anzugehen und zu optimieren. Denn Zukunftskonzepte hängen nicht nur von Größe und Masse ab: auch Attribute wie „kleiner, intelligenter, effizienter“ können besonders für Betriebe mittlerer Größe interessante Ansätze eröffnen.

Ein Umschwenken hin zu digitalen technologischen Konzepten ist für den Landwirt und für die Umwelt gleichermaßen essenziell. Smart Farming bietet Ansätze, um Zeit und Ressourcen zu sparen bzw. optimal zu nutzen. Das ist sicher nicht „der Rettungsanker“ schlechthin. Niemand soll aber sagen können, Chancen und Potenziale seien ungenutzt geblieben.

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2020 16. March