Der Weg zum Schlachthof ist eine Einbahnstraße, aber …

April 19, 2019, 3:07 p.m.

Das Ziel ist klar und das Ergebnis steht fest: Für Tiere, die zum Schlachthof gebracht werden, ist dies ein Weg ohne Wiederkehr.

Aber selbst wenn das so ist, gilt auch auf den letzten (Kilo-)Metern und in den letzten Stunden der Paragraf 1 des deutschen Tierschutzgesetzes, dessen Zweck es ist, „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“1

Transporte von Lebendtieren stehen immer wieder in der Diskussion, immer wieder werden Missstände kritisiert und publik gemacht. Vieles hat sich in der Vergangenheit bereits gebessert. Europäische Richtlinien und auf nationaler Ebene etwa die Tierschutztransportverordnung (TierSchTrV)2 geben dazu einen Rahmen vor. Dennoch stellen Kritiker fest: „Die Bestimmungen der Verordnung reichen nicht aus, um Tierleid zu verhindern.“3 Aus diesem Grund befassen sich u. a. Wissenschaftler des Department of Animal Science der dänischen Universität Aarhus mit der Frage, wie sich beispielsweise Transporte von Milchkühen zur Schlachtung auf deren (Gesundheits-)Zustand auswirken.4

» … zum Ende des Transports [kamen die Tiere] in einem Zustand im Schlachthaus an, in dem sie als nicht transportfähig eingestuft worden wären.«

Damit soll ein Beitrag zur Verbesserung des Tierschutzes bei Transporten geleistet werden. Zugleich geht es darum, über das Konzept der Transportfähigkeit weiter zu diskutieren und zu prüfen, inwieweit darüber ggf. Grenzen für Transporte oder besondere Schutzmaßnahmen vorgegeben werden sollten.

Die Ergebnisse aus Aarhus zeigen, dass sich der Gesundheitszustand während des Transports durchaus verschlechtern kann. Bei klinischen Untersuchungen wurden insgesamt 411 Schlachtkühe auf Lahmheit, Wunden, Milchaustritt und ihren Allgemeinzustand untersucht. Während alle Tiere nach den geltenden Rechtsvorschriften vor der Fahrt transportfähig waren, kamen 2 Prozent, d. h. neun Kühe, zum Ende des Transports in einem Zustand im Schlachthaus an, in dem sie als nicht transportfähig eingestuft worden wären. In allen neun Fällen war ein Lahmen der Grund. Auch bei den anderen erfassten klinischen Merkmalen waren in gewissem Umfang Verschlechterungen erkennbar, die allerdings die Transportfähigkeit nicht ausgesetzt hätten. So stieg beispielsweise die Häufigkeit von Verletzungenvon 22 Prozent (vor dem Transport) auf 34 Prozent (danach) an.

Im Hinblick auf die Verordnung (EG) Nr. 1/2005 des Rates über den Schutz von Tieren beim Transport bedeuten diese Ergebnisse, dass tatsächlich Defizite erkennbar sind. Denn laut Artikel 3 der Verordnung gilt: „Niemand darf eine Tierbeförderung durchführen oder veranlassen, wenn den Tieren dabei Verletzungen oder unnötige Leiden zugefügt werden könnten“5 – auch wenn der Verordnungstext „Verletzungen“ nicht weiter spezifiziert. Deshalb ist es laut den dänischen Wissenschaftlern schwierig, festzustellen, ob die in dieser Studie ermittelte Verschlechterung des Zustands mit den EU-Vorschriften vereinbar war oder nicht.

»Es ist schwierig, festzustellen, ob die in dieser Studie ermittelte Verschlechterung des Zustands mit den EU-Vorschriften vereinbar war oder nicht.«

In einer zweiten, darauf aufbauenden Studie6 kommen die Autoren zu dem generellen Schluss, dass „der Transport (sogar unter 8 h) eine belastende Erfahrung für zur Schlachtung anstehende Milchkühe ist“. Sie berichten aber ebenso, dass „die identifizierten Risikofaktoren […] in erster Linie [.l..] mit der einzelnen Kuh (ihrem klinischen Zustand und produktionsbezogenen Faktoren), aber überraschenderweise nur in geringerem Maßmit Faktoren wie Transportdauer oder Anzahl der Zwischenstopps“ im Zusammenhang standen.

Die an beiden Studien beteiligten Wissenschaftler ziehen deshalb das Fazit: „Unsere Ergebnisse unterstreichen, dass mehr Wissen über das Konzept der Transportfähigkeit und (…) die Bedeutung des Transports für das Wohlergehen von Schlachtkühen, einschließlich der Entwicklung von Methoden zur Verbesserung, erforderlich ist“, so die leitende Wissenschaftlerin Mette S. Herskin. Und der Wissenschaftler Peter Thomsen ergänzt: „Die Ergebnisse der Studie geben Landwirten und Fahrern die Möglichkeit, sich während des Transports besonders um die am stärksten gefährdeten Kühe zu kümmern und so ihr Wohlergehen bestmöglich zu gewährleisten.“

Natürlich ist eine Studie mit 411 dänischen Milchkühen nicht repräsentativ, und die Umsetzung der Gedanken von Peter Thomsen scheint in der Praxis fraglich. Und doch zeigen die Ergebnisse, dass es keinen Grund gibt, mit den heute erreichten Standards zufrieden zu sein. Das Wohl – auch von Schlachttieren – ist ein Gut, das nicht zur Disposition stehen darf.

 

1 https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html
2 https://www.gesetze-im-internet.de/tierschtrv_2009/BJNR037500009.html
3 https://www.tierschutzbund.de/information/hintergrund/landwirtschaft/tiertransporte/
4 http://anis.au.dk/en/current-news/news/show/artikel/ny-viden-om-transport-af-udsaetterkoeer-til-slagtning/
5 https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:32005R0001&from=DE
6 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30525051

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 19. April