Trends 2020: Landwirtschaft und Lebensmittel

Jan. 14, 2020, 1:21 p.m.

Der Global Food Summit im März 2020 tritt mit dem Anspruch an, den „Lebensmitteln der Zukunft eine Stimme zu geben“. Entlang der gesamten Lebensmittelkette sollen die Nachhaltigkeitsziele 2030 berücksichtigt werden. Auch auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin spielt der „Klimaschutz auf dem Teller – Trends in der Lebensmittelwirtschaft“ in diesem Jahr eine besondere Rolle. Deutlich wird: Unsere Ernährung bekommt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten maßgebliche neue Impulse.

 

„Wie schmeckt die Zukunft” lautet eine Frage, zu der unterschiedlichste Aussteller auf der Internationalen Grünen Woche (IGW) in Berlin in diesem Jahr eine Antwort zu geben versuchen. Dabei reicht das Spektrum der angekündigten Innovationen von alternativen Proteinquellen (etwa Algen und Insekten) über Ansätze, die Verschwendung von Lebensmitteln zu reduzieren (Bier aus aussortiertem Brot, Frühstückscerealien mit einem 40-prozentigen Anteil geretteter überreifer Bananen) bis hin zu neuartigen Getränken wie etwa alkoholfreiem Wein oder Erfrischungsgetränken ohne Zucker- und Süßstoffzusatz. 

Dieser kleine Ausschnitt zeigt, worauf einige der Innovationen abzielen: Weniger Zucker, weniger Verschwendung, mehr Ersatz für bisher genutzte Proteinquellen, daneben aber beispielsweise auch die Reduktion von Fett, Salz und Verpackungsmüll sowie Rohstoffquellen mit kurzen Transportwegen. 

 

Agenda 2030: Wie umsetzen?

Mit der Umsetzung der Agenda 2030 wird sich der Global Food Summit im März dieses Jahres befassen, und deshalb ebenfalls auf neue Trends schauen. Der Hintergrund: Weltweit wächst die Bevölkerung im Wesentlichen in den urbanen Zentren, nicht „auf dem Land“. Schon das hat deutliche Konsequenzen für Lebensmittelversorgung und Ernährung. Das immer höhere Lebensalter, die weiter wachsende Zahl der Menschen auf der Erde und die stetig zunehmenden Ansprüche an eine gesunde und umweltverträgliche Form der Nahrungserzeugung tun ein Übriges. Entsprechende Überlegungen beginnen naturgemäß bei der Urproduktion. 

 

Von Robobauern und Urban Farming

Im Dezember 2019 haben die Deutsche Akademie der Technikwissenschaft (acatech) und der Global Food Summit zu einer Diskussionsveranstaltung geladen, bei der die Umsetzung einer Nachhaltigen Landwirtschaft im Blickpunkt stand. Bei dieser Veranstaltung wurde beispielsweise die Frage aufgeworfen, wie künstliche Intelligenz zukünftig unsere Lebensmittelproduktion beeinflussen wird. Ebenso ging es darum, ob und wie die Landwirtschaft städtischer werden muss, also näher am Verbraucher erfolgen sollte. Es wird nämlich erwartet, dass im Jahr 2030 rund 80 Prozent aller Lebensmittel in der Stadt konsumiert werden. Mit einer Produktion in den urbanen Zentren, etwa unter kontrollierten Bedingungen in „Vertical Farms“, ließe sich der CO2-Fußabdruck deutlich vermindern. Dabei gehen Experten davon aus, dass Robotik und Künstliche Intelligenz (KI) im Sinne einer Landwirtschaft 4.0 bei der Erzeugung von Lebensmitteln in Zukunft unverzichtbar sein werden.

 

Moderne Lösungen für Landwirte

Wie wird die Landwirtschaft der Zukunft also aussehen? Auf diese Frage gibt es wohl keine generelle Antwort. Die Autoren der Publikation Horizonte benennen aber bereits erkennbare oder zu erwartende Trends: Dazu gehören Cloud-basierte Plattformen, die die Landwirte bei täglichen Entscheidungen unterstützen ebenso wie Drohnen und Sensoren, die Daten und damit Entscheidungshilfen in Echtzeit liefern – beides Entwicklungen, die heute bereits zunehmend „in die Fläche“ wachsen. Gleiches gilt für digitale Handelsplattformen wie Agrando, die unter anderem Vergleiche bei dem Bezug von Betriebsmitteln professioneller, einfacher und schneller machen. 

 

Nachhaltiges Umdenken beim Konsumenten

Noch weitreichender wären Entwicklungen wie Urban Farming, eine geringere Verschwendung von Lebensmitteln und ein sinkender Fleischkonsum. Rund 55 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr weg; weltweit summieren sich diese unnötigen Verluste auf 1,3 Milliarden Tonnen. An dieser Stellschraube kann jeder einzelne Konsument drehen, und damit einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Ernährung leisten. Gleiches gilt für das Thema „weniger Fleischkonsum“: Hier zeigt der Trend zu „fleischlosem Fleisch“ deutlich nach oben – zwar nicht unbedingt auch mit positiven Auswirkungen auf die Gesundheit der Konsumenten – aber mit Potenzial für die Minderung der Emissionen aus der Nutztierhaltung. 

 

Ernährungstrends: offen für Neues?

Wer neue Trends gestalten oder erleben möchte, muss bereit sein, herkömmliche Pfade zu verlassen. Das gilt für etliche der Ernährungstrends, die vom Global Food Forum beschrieben werden. Dazu gehören als „einfache Schritte“ von den pazifischen Regionen inspirierte Geschmacksrichtungen wie Passions- und Jackfrucht, wobei letztere u. a. als Fleischersatz dienen kann, sowie langfristig stabile Probiotika. Fette werden nach Ansicht der befragten Fachleute mit der Keto-, Paleo-, getreidefreien und sogar „Pegan“-Diät ein Comeback erleben. Neues Interesse wächst an auch den bislang wenig genutzten Teilen der Hanfpflanze sowie an Champignons, die „eine Schlüsselrolle in Dörrfleisch, Schweineschwarten und Speck-Snacks spielen“ könnten. Algenbutter und Kelpnudeln sollen als sogenannte „Marine Munchies“ Einzug in unsere Ernährung finden. Das Interesse der Lebensmittelforscher richtet sich aber ebenso auf Puffsnacks aus Seerosenkernen, pflanzliche Thunfischalternativen mit Algenzutaten, knusprige, naschbare Lachshäute mit Omega-3-Fettsäuren sowie „Seetang-Jerkies“.

 

Ernährung von morgen bleibt spannend!

Neue Herstellungsmethoden wie vertikale Farmen ohne Sonne und Erde, vollautomatisierte Roboterfarmen, „nachwachsendes Fleisch“ aus Stammzellenproduktion, „fleischloses Fleisch“ aus pflanzlichen Rohstoffen, Proteine aus der Algen- und Insektenzucht sowie andere mehr oder minder weitreichende Trends bei der Ernährungsumstellung haben das Potenzial, die Land- und Ernährungswirtschaft und damit auch unsere tägliche Nahrung deutlich zu verändern. Man darf gespannt sein, was die vernetzten „smarten Kühlschränke“ in zehn, 20 oder 30 Jahren für uns bestellen werden …

Autor Matthias Wiedenau
2020 14. January