Umweltverträglicher Pflanzenschutz?

30. November 2018 15:03

Um dieses Thema geht es elf Wissenschaftlern, die in der Schriftenreihe der Nationalen Akademie der Wissenschaften – Leopoldina in diesem Jahr die „Diskussion Nr. 16“ herausgegeben haben. Unter dem Titel „Der stumme Frühling – Zur Notwendigkeit eines umweltverträglichen Pflanzenschutzes“ (1) greift das Paper erneut den von der US-amerikanischen Autorin Rachel Carson geprägten Begriff des „Stummen Frühlings“ im Zusammenhang mit dem chemischen Pflanzenschutz auf. Und das geschieht sicher nicht ohne Grund, denn das bereits 1962 veröffentlichte Buch von Rachel Carson gilt als einer der wichtigsten Auslöser für die Entstehung von Umweltbewegungen.

In ihrem Vorwort begründen die Autoren die neue Studie so:

Heute ist das Problem synthetischer Agrochemikalien und einer breiten Palette anderer Industriechemikalien in der Umwelt aufgrund der stetigen weltweiten Zunahme dieser Produkte zunehmend besorgniserregend. Das gilt trotz der erhöhten Sensibilität der Öffentlichkeit, des vielfach grundlegend verbesserten gesetzlichen Rahmens, stark gewachsener Kompetenzen und erhöhter Kapazitäten in Regulierungs- und Vollzugsbehörden sowie gewaltiger Fortschritte in der Umwelt- und Risikoforschung.

Vor dem so skizzierten Hintergrund kommen die Autoren zu weitrechenden Empfehlungen. Da heißt es in dem Fazit des Diskussionspapiers beispielsweise, dass die vielfältigen, mit Pestiziden einhergehenden Umweltbelastungen in einer umfassenderen europäischen Agrar- und Chemikalienpolitik behandelt werden müssten. Dazu gehöre auch die Frage, inwieweit etwa Importprodukte wie Soja nicht nur mit höheren Rückständen, sondern auch mit in Europa nicht zugelassenen Pflanzenschutzmitteln belastet seien. „Die intensive, konventionelle Landwirtschaft lässt sich in der heutigen Form aus vielen Gründen nicht langfristig fortführen“, heißt es in dem Papier.

Bei der Risikobewertungwerde beispielsweise systematisch ausgeblendet, dass Pestizide im Zusammenhang mit der Anwendung anderer Substanzen wie Pharmazeutika, Biozide, Düngemittel und Industriechemikalien gesehen werden müssten, denen die Menschen und die Umwelt ausgesetzt seien. Ein konsequenter integrierter und ökologischer Pflanzenbau mit einem „Pestizideinsatz nur als ultima ratio“, dafür aber mit einer standortgerechten Frucht- und Sortenwahl, mit der Zucht konkurrenzstarker, toleranter oder sogar resistenter Sorten und dazu „ein möglichst maßvoller Einsatz möglichst spezifischer, wenig persistenter Agrochemikalien“ seien dafür wesentliche Grundlagen. „Wir plädieren zu diesem Zweck entschieden für einen partizipativen Ansatz mit allen betroffenen Akteuren“, so die Autoren.

Ein Blick auf aktuelle Themen wie die wachsende Zahl von Wölfen in Deutschland, die Bewertung neuer Züchtungsverfahren wie CRISP-Cas, das Insektensterben, Tierwohl oder Gülledüngung zeigt allerdings, dass ein partizipativer Ansatz mit allen betroffenen Akteuren bestenfalls zu einem Minimalkonsens oder aus Sicht der landwirtschaftlichen Praxis sogar zu faulen Kompromissen führt.

Zu unterschiedlich sind Interessenlagen und potenzielle Betroffenheit:

Während der Konsument einfach zum nächsten Supermarkt wechseln kann, wenn die gewünschten Lebensmittel gerade nicht verfügbar sind, verliert die landwirtschaftliche Praxis Stück um Stück hoch wirksame Pflanzenschutzmittel, deren wegfallende Zulassung Lücken aufreißt und eine effiziente Erzeugung hochwertiger Produkte entsprechend erschwert. Nicht immer ist nämlich der „einfache Weg“ eines Verbots (Neonikotinoide) oder des „Ausschleichens“ (Glyphosat) auch ein nachhaltiger Weg.

Deshalb bewertet beispielsweise der Industrieverband Agrar als Fachverband der Hersteller von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln die „Leopoldina Diskussion“ zwar als einen willkommenen Denkanstoß, weist aber zugleich auf einige aus seiner Sicht bestehende Ungereimtheiten und Fehler hin (2). So werde der Nutzen von Pflanzenschutzmitteln weitgehend ausgeklammert und auch nicht berücksichtigt, dass bei einem Verzicht auf Pflanzenschutzmittel in Deutschland die kritisierten Importe von Agrarrohstoffen nicht sinken würden. Hier wäre im Gegenteil mit einem weiteren Anstieg zu rechnen, es sei denn, dass die Anbauflächen hierzulande auf Kosten von bislang naturbelassenen Flächen ausgeweitet würden. Ganz wesentlich sei aber, dass vor dem Hintergrund des deutschen Zulassungssystems keineswegs von einer systematischen Unterschätzung von Risiken ausgegangen werden könne. So werde beispielsweise auch die Kombinationswirkung von Substanzen untersucht.

Zweifellos steht der chemische Pflanzenschutz in Deutschland in der Diskussion und unter „gesellschaftlicher Beobachtung“. Und das ist durchaus in Ordnung. Wünschenswert wäre aber, dass behördliche Zulassungen und Risikobewertungen, die auf allgemeinen wissenschaftlichen Standards beruhen, auch entsprechend breit anerkannt würden. Mit dem Integrierten Pflanzenschutz – und dem ganzheitlichen Ansatz der Integrierten Landwirtschaft – fußt die Beratung der Praxisbetriebe heute weitgehend auf einem an der nachhaltigen Entwicklung orientierten Leitbild. Und dieses Leitbild ist offen für neue Erkenntnisse und Entwicklungen – auch und gerade im Pflanzenschutz – solange diese praktikabel sind und wirklich Verbesserungen ermöglichen.

 

(1) https://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2018_Diskussionspapier_Pflanzenschutzmittel.pdf
(2) https://www.iva.de/newsroom/pressemitteilungen/denkanstoesse-fuer-den-pflanzenschutz

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 30. November