Von denen, die auszogen, die Bienen zu retten...

March 1, 2019, 3:21 p.m.

Es ist noch nicht lange her, dass das Volksbegehren „Rettet die Bienen!“ in Bayern einen fulminantes Ergebnis erreicht hat: 18,4 Prozent der Wahlberechtigen haben dort zwischen dem 31.01. und dem 13.02.2019 dafür ihre Unterschrift gegeben – und damit den Weg für einen Volksentscheid für mehr Artenschutz freigemacht.

Allerdings stellt sich zunächst die Frage, wie es den Bienen – und den Insekten insgesamt – überhaupt geht. Und da gibt es ganz unterschiedliche Aussagen. Sie reichen von der Einschätzung „Insekten sind weltweit vom Aussterben bedroht“bis zu einer seit Jahren erkennbaren Zunahme etwa der Bienenvölker in Deutschland2. Daneben gibt es auch klare Erfolgsgeschichten beim Insektenschutz mit der Landwirtschaft3 – das Bild ist also sehr divers. Speziell im Kontext der deutschen Bienendiskussion sind übrigens die von G. Keckl zusammengetragenen Zahlen durchaus lesenswert.4

Die genannte Studie1, die das Aussterben an die Wand malt und für die 73 „historical reports“ ausgewertet wurden, spricht in absteigender Reihenfolge von vier Kernfaktoren für den Rückgang der Insektenvielfalt:

Verlust von Lebensräumen (durch intensive Landwirtschaft und Verstädterung)

Verschmutzung durch Dünger und Pflanzenschutzmittel

Biologische Faktoren wie Krankheitserreger und invasive Arten

Der Klimawandel

Interessanterweise richtet sich die empfehlende Schlussfolgerung der Autoren aber ausschließlich auf ein Überdenken der landwirtschaftlichen Praktiken – ganz so, als gäbe es die anderen Faktoren nicht.

 

Das hinterlässt den geneigten Leser ratlos. Auch heute noch werden etwa in Deutschland an jedem einzelnen Tag 60 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche aus eben dieser Nutzung herausgenommen und bebaut: Mit Straßen, Wohngebieten, Gewerbeparks und den „Shopping Centern“, die dazu beitragen, dass die Innenstädte verwaisen. Zu dem damit einhergehenden Verlust von Lebensraum gibt es dort aber leider keine Empfehlung.

Und: Wer zählt die Autos, LKW, Motorräder, Züge und Flugzeuge, die vor 40 Jahren in Deutschland unterwegs waren – und heute unterwegs sind? Wer bewertet das „Overkill-Potenzial“ dieser Armada von für die Insekten absolut tödlichen „Geschossen“?

Wer zählt Straßenlampen und Leuchtreklamen, die Deutschland und Europa inzwischen auch nachts so hell machen, dass Licht als Umweltverschmutzung wirkt? Wer zählt die Insekten, für die diese Lichtüberflutung jede Nacht zur tödlichen Falle wird?

Wer zählt die Hobbygärtner und Balkonbauern, die gerne zur Sprühdose oder zur „wirksam gefüllten“ Gießkanne greifen, wenn etwa Läuse, Schnecken, Mücken oder Wespen beginnen, sich in deren Naturparadiesen heimisch zu fühlen?

Und zum guten Schluss: Wer zählt die Gärten und Vorgärten des Grauens, die sich wie die Pest in deutschen Baugebieten ausbreiten? Mit etwas Glück fristen dort ein oder zwei einsame (Buchs-)Bäumchen ihr tristes Dasein zwischen vorzugsweise schwarz-weiß-grauen Schottersteinen und pflegeleicht plattierten Arealen…

 

Dass 18,4 Prozent der bayerischen „Wählenden“ sich für die Biodiversität im Allgemeinen und die Bienen im Besonderen einsetzen, ist ja toll. Was aber nun gemeinsam tun? - Auch selbst aktiv werden, anstatt stereotyp den Landwirten die Verantwortung zuzuschieben?5

Vorwürfe und nur auf die Landwirtschaft bezogene Forderungen vonseiten der NGOs und der Gesellschaft helfen den Insekten ebenso wenig wie ein Zurückschieben des schwarzen Peters von den Landwirten in Richtung auf Politik und Gesellschaft.

Vielleicht wäre es gut, wenn tatsächlich jede(r) Einzelne schauen würde, was man im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten tun könnte: sei es der Bürger auf dem Balkon, im Schreber- und Ziergarten und bei dem Einkaufsverhalten, seien es die Stadt- und Raumplaner, die Leiter von Grünflächenämtern auf kommunalen Flächen, die Politiker bei der Ausgestaltung von kommunalen, regionalen, nationalen oder auch europäischen Rahmenbedingungen – oder eben auch die Landwirte in der Feldflur, mit Rand- und Blühstreifen sowie Zwischenstrukturen wie Hecken etc. Vielleicht ist der angekündigte Runde Tisch dafür ein Anfang.

Vielfalt braucht auch vielfältige Unterstützung, und die am besten im Miteinander aller denkbaren Akteure, nicht aber in der Konfrontation. Eine Unterschrift ist schnell geleistet – und gibt ein gutes Gefühl. Aber das reicht nicht.

 

1 https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0006320718313636
2 https://deutscherimkerbund.de/161-Imkerei_in_Deutschland_Zahlen_Daten_Fakten
http://www.proplanet-label.com/aktuelles_03_05_2018.html?fbclid=IwAR1FP98kVBmNXBMkhBvDIWLCEaJS84BNlVzaPzkJ9WwiLyDU8x7SYUxY6gU
http://www.keckl.de/texte/Bienensterben_HajoSchuhmacher_BM.pdf
5 Als ergänzender Lesetipp: https://www.agrando.de/blog/artenvielfalt-einmal-anders/

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2019 01. March