Wachsen, Weichen - oder?

3. August 2018 13:20

Einzelhandel und Automobilwerkstätten haben sich ebenso wie etwa Küchenherde, Rasenmäher oder Telefone in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert – und das gilt noch viel mehr für die Entwicklungen bei Computern. Warum sollte also nicht auch die heutige Landwirtschaft deutlich anders aussehen als noch Mitte des letzten Jahrhunderts? Wandel – und Strukturwandel – zeigen sich überall.

Ein Problem ist nur: Das „schneller, höher, weiter“, das etwa bei Automobilen oder Smartphones auf Begeisterung stößt, wird bei der Erzeugung von Lebensmitteln eher ungern gesehen. Hier kommen Sehnsüchte nach einem Idyll vergangener Tage zum Tragen – das es so im Übrigen nie gegeben hat: Heute sind unsere Lebensmittel besser, vielseitiger, sicherer und vor allem auch erschwinglicher als jemals zuvor – und das hat tatsächlich auch etwas mit dem Strukturwandel zu tun.

Dazu stellt des BMEL kurzerhand fest:

Die Zahl der Betriebe und der Beschäftigten nimmt ab. Die Mengen der erzeugten Produkte sind hingegen stark gestiegen. Die Erklärung für diesen scheinbaren Widerspruch: Die verbleibenden Betriebe werden größer und leistungsfähiger und wirtschaften effizienter.“ (1)

 

Was in den 1950ern noch mühsam von Hand, mit Pferden und dann langsam mit kleinen Landmaschinen erledigt wurde, macht heute leistungsstarke Technik: Melkroboter, Mähdrescher, Vollernter, Traktoren ….

Ob die Arbeitskräfte zur besser bezahlten Industrie abwanderten oder infolge der Mechanisierung in der Landwirtschaft freigesetzt wurden und deshalb nach Einkommensalternativen suchen mussten, ist für das Ergebnis unerheblich: Im Jahr 2016 waren in Deutschland nur noch 1,4 Prozent der Beschäftigten im Agrarsektor (2) tätig. Gleichzeitig stieg der Kapitalbedarf: „Mit heute 536.100 Euro Kapital je Erwerbstätigen gehört die Landwirtschaft zu den kapitalintensivsten Branchen.“ (3)

Investition in teure Landmaschinen oder neue Ställe lohnen sich aber nicht für jeden – oder können nicht von jedem gestemmt werden. Fehlende Hofnachfolger, beengte Lage im Ortsinneren, fehlende Möglichkeiten, Flächen hinzu zu pachten, fehlendes Eigenkapital – unterschiedlichste Gründe können zur Betriebsaufgabe führen. Und auch wenn die Gesellschaft es nicht wahrhaben möchte: Angesichts steigender Preise für alle Inputs von der Arbeitszeit über Boden, Maschinen, Saatgut, Dünge- und Pflanzenschutzmittel bis hin zu Kraftstoffen etc. – aber stagnierender oder sogar sinkender Erlöse für jeden Liter Milch, jedes Ei, jede Tonne Zuckerrüben – kann man mit ein paar Hektar, zehn Kühen, fünfzig Schweinen und 100 Hühnern wirtschaftlich einfach nicht mehr überleben.

 

Das „Wachsen oder Weichen“, die Spezialisierung auf einzelne Betriebszweige und die durch technischen Fortschritt effektivere Produktion sind damit Merkmale der landwirtschaftlichen Entwicklung – die sich allerdings keineswegs zum Nachteil der Produktqualität vollzieht. Wie gesagt: Unsere Lebensmittel waren nie besser und nie sicherer als heute.

Und trotzdem – ist das alles?

Dahinter stehen immer auch die Schicksale von Menschen: Menschen, die ihren seit Generationen von der Familie bewirtschafteten Hof aufgeben müssen, die den Betrieb im Nebenerwerb weiterführen und sich doppelt und dreifach schlagen, die am Existenzminimum wirtschaften und von sinkenden Milchpreisen oder Wetterkapriolen noch weiter mit dem Rücken an die Wand gedrückt werden. Letztendlich stehen sie alle in der Nachfolge der Tante Emma-Läden von früher, der kleinen erloschenen Automobilmarken wie Borgward, der Einzelapotheken, die von Filialbetrieben verdrängt oder übernommen werden: Für die Betroffenen ist das mehr als nur bitter!

Auch heute ist die deutsche Landwirtschaft immer noch stark von Familienbetrieben geprägt – aber der Trend, dass wachstumsorientierte Betriebe frei werdende Flächen übernehmen und damit ihre Erzeugungsgrundlagen weiter ausbauen, geht weiter. Sieht man deshalb einmal von erfolgreich besetzten Nischen wie etwa Urlaub auf dem Bauernhof, Lohnarbeiten, Direktvermarktung oder Energieerzeugung ab, dann gibt es wohl in der Urproduktion kein echtes „oder“, keine wirkliche Alternative zum Wachsen oder Weichen. Und das ist so, weil – und so lange – unsere Gesellschaft zwar gerne eine kleinstrukturierte Landwirtschaft hätte, die dafür notwendigen „großstrukturierten Preise“ aber nicht zu zahlen bereit ist …

 

(1) https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Broschueren/Landwirtschaft-verstehen.pdf?__blob=publicationFile
(2) https://www.bauernverband.de/11-wirtschaftliche-bedeutung-des-agrarsektors-803582
(3) https://www.bauernverband.de/31-kapitaleinsatz-803620

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 03. August