Klimawandel macht Weizenernten zum Pokerspiel

Nov. 7, 2019, 1:06 p.m.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Welternährung? Diese Fragestellung rückt zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses. Immerhin müssen 2050 statt 7,7 bereits 9,7 Milliarden Menschen satt werden. Die Prognosen von Wissenschaftlern zeigen Risiken am Beispiel unseres wichtigsten Getreides, dem Weizen, auf. Diese können sich zu sozialem Sprengstoff entwickeln, falls nicht gegengesteuert wird. 

 

Bevölkerungswachstum ungebrochen

Der Hunger der Menschheit wird immer größer, denn aktuell wächst die Weltbevölkerung nach Zahlen der Vereinten Nationenjährlich um 82 Millionen Menschen. Wir brauchen jedes Jahr mehr Nahrung und bei steigendem Wohlstand auch mehr Futtermittel. Denn dann wächst auch die Nachfrage nach tierischen Produkten wie Fleisch, Eier oder Milch. 

 

Niederschlagssummen verändern sich

Vor diesem Hintergrund bekommt der Klimawandel eine ganz neue Dimension. Denn er bedeutet nicht nur steigende Temperaturen und einen höheren Meeresspiegel, sondern auch eine veränderte Niederschlagsverteilung. So rechnen Forscher des International Center for Tropical Agriculture (CIAT) und der Universität Leeds in einer im März 2019 veröffentlichten Studie damit, dass sich schon bis 2040 deutliche Änderungen in den Niederschlagsmustern ergeben werden, falls die Treibhausgas-Emissionen nicht kurzfristig drastisch sinken. Die Wissenschaftler haben ermittelt, dass bis zu 14 Prozent der Anbauflächen für Weizen, Mais, Reis und Soja spürbar trockener werden. Für 31 Prozent wird es hingegen mehr Regen geben. Zu den trockeneren Regionen zählen der Südwesten Australiens, das südliche Afrika, der Südwesten Südamerikas sowie die Länder rund um das Mittelmeer. Feuchter soll es hingegen in Kanada, Russland, Indien und im Osten der Vereinigten Staaten werden.

 

Dürregefahr steigt, Ernten sinken

Die Gesamtbilanz ist damit scheinbar positiv. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Es kommt nämlich neben der absoluten Höhe der Niederschläge auch auf die Verlässlichkeit und die Verteilung über das Jahr an. Eine internationale Studie, an der Wissenschaftler der Uni Göttingen beteiligt waren, haben den Zusammenhang zwischen Klimawandel, dem Auftreten von Dürren und der Weltweizenernte untersucht.

Demnach steigt das Risiko für extreme Dürreperioden, die mehrere der bedeutenden Weizenanbaugebiete gleichzeitig treffen, bis zum Ende des Jahrhunderts auf das drei- bis vierfache, falls die Treibhausgasemissionen weiterhin ungebremst zunehmen. Selbst bei einer deutlichen Senkung der Emissionen wird sich das Risiko zwischen 2030 und 2070 immer noch verdoppeln. Die Forscher prognostizieren einen Rückgang der globalen Ernteerträge um vier bis 65 Prozent pro Grad Celsius globaler Erwärmung. Dabei wären aufgrund des Bevölkerungswachstum Ertragssteigerungen von mindestens 43 Prozent erforderlich. Weil Weizen ein Fünftel der Kalorien für die Menschheit liefert, hat er eine zentrale Bedeutung in der Ernährung. Er ist nach Mais in der Anbaufläche die zweitwichtigste Getreidekultur. Mais wird allerdings überwiegend zur Tierernährung und Energieproduktion eingesetzt.  

 

Je höher der Temperaturanstieg, desto gravierender sind die Folgen 

Bereits heute sind die Hauptanbaugebiete stärker als früher von gleichzeitig auftretenden Dürren bedroht. Nach Erkenntnissen der Forscher sind es aktuell etwa 15 Prozent der Anbauflächen. Eine Dürre in zusammenhängenden Regionen wie Russland, der Ukraine und Kasachstan hätte drastische Folgen für die Weizenversorgung. Das Dürrerisiko ist nicht in allen Regionen gleichermaßen hoch: Während es zum Beispiel in Südamerika relativ gering bleibt, wird es in den europäischen Anbauregionen steigen. Nach Meinung von Friedrich Longin von der Universität Hohenheim könnte zunehmende Hitze und häufigere Trockenphasen im Sommerhalbjahr Deutschland mittelfristig zu einem Weizenimportland machen. 

Ähnlich kritisch beurteilt Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die sich abzeichnende Entwicklung: „In vielen Regionen der Erde wird die globale Erwärmung die Wasserverfügbarkeit erheblich beeinträchtigen – je nachdem, wie hoch die globale Mitteltemperatur tatsächlich steigen wird.“ Jedes weitere Jahr ohne erkennbare globale Emissionsminderungen von Treibhausgasen, erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass kommende Generationen mit Verknappungen des Wasserdargebots und mit Ernteeinbußen umgehen müssen. 

 

Hunger hat viele Ursachen

Die Zahl der Hungernden liegt aktuell bei 822 Millionen weltweit, wie das Internationale Forschungsinstitut für Ernährungs- und Entwicklungspolitik gemeinsam mit der deutschen Welthungerhilfe ermittelt hat. Zu den Hungernden zählen alle, die weniger als 1.400 Kilokalorien täglich zur Verfügung haben. Zum Vergleich: Der Energiebedarf eines Erwachsenen liegt zwischen 1.700 und 2.000 Kilokalorien. In Deutschland beträgt der Verbrauch mehr als 3.500 Kilokalorien. Der Klimawandel wird die Situation weiter verschärfen und Folgewirkungen wie soziale Unruhen oder Migration verstärken. Hier muss umgehend gegengesteuert werden. Um die Welternährung sicherer zu machen, sind auch viele weitere Herausforderungen zu meistern. So zum Beispiel die Intensivierung der Produktion bei gleichzeitiger Umweltschonung. Hierzu zählt die Züchtung von Weizensorten, die weniger Wasser benötigen. Aber auch weniger Lebensmittelverschwendung, eine Trendumkehr zu weniger tierischen Produkten in der Nahrung oder die Begrenzung der Flächenverluste können zur Ernährungssicherung beitragen. Momentan gehen nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministerium nämlich weltweit jährlich etwa zwölf Millionen Hektar Agrarfläche verloren. Ursachen sind Überweidung, ungeeignete Anbaumethoden, Erosion oder Straßen- und Städtebau. 

 

Autor Matthias Wiedenau
2019 07. November