Wetterextrem oder "neue Normalität"? - Sommertrockenheit

27. Juli 2018 11:52

Gefühlt ist der Sommer 2018 bislang extrem: Täglich Meldungen von brennenden Getreidefeldern, ein Waldbrandgefahrenindex von drei oder vier fast überall in der Republik, zunehmender Futtermangel auf Milchviehbetrieben und zum Teil Ernteausfälle von 30 Prozent oder mehr etwa beim Getreide: Das bringt so manchen Betrieb in ernsthafte Schwierigkeiten.

Schon 2015 ist eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zu deutlichen Schlussfolgerungen gekommen:

„Auswertungen der Stationsdaten von 1961 bis 2013 des Deutschen Wetterdienstes sowie Daten aus 21 Klimamodellläufen bis zum Jahr 2100 zeigten unter anderem einen Anstieg extremer Hitzetage, die auch in Zukunft häufiger werden sollen. Ferner wurde in den letzten 20 Jahren eine Zunahme der Tage ohne Niederschlag im März und April sowie eine Zunahme extrem trockener Tage im Sommer beobachtet, wobei letztere zukünftig weiter zunehmen sollen. Zunehmende Hitze und Trockenheit beeinträchtigen vor allem die Ertragsbildung bei einigen Ackerkulturen, wie z.B. beim Weizen.“ (1)

Und tatsächlich: Der bisherige Verlauf des Jahres 2018 gibt dieser Studie recht.

Im Norden geht man davon aus „dass in diesem Jahr gut ein Drittel weniger Getreide eingefahren wird – das entspricht etwa zwei Millionen Tonnen. Es könnte die kläglichste Ernte seit Jahrzehnten werden. Auch der Silomais als wichtige Futterpflanze sowie Rüben und Kartoffeln sind (…) von der Trockenheit stark betroffen“, berichtet etwa der NDR (2). 

Für die Praxis sind damit vielfältige Probleme verbunden. Neben brennenden Feldern und zunehmendem Futtermangel gehören dazu beispielsweise auch steigende Futterpreise, die Notwendigkeit, Tiere früher an den Schlachter zu verkaufen, wodurch die Verkaufserlöse weiter unter Druck geraten, das Aussetzen des Weidegangs, die Nutzung von Winterfutter schon jetzt und natürlich maßgebliche Einbußen bei Ertrag und Qualität der Ackerfrüchte.

Inzwischen erlauben immer mehr Bundesländer, die als Ökologische Vorrangflächen (ÖVF) beantragten Areale zur Futternutzung freizugeben. Allerdings sind die Vorgaben der einzelnen Länder zur Freigabe von Flächen und zu Nutzungszeitpunkten recht unterschiedlich. Eine Übersicht wurde beispielsweise von agrarheute am 17. Juli 2018 veröffentlicht (3).

Die entscheidende Frage ist: Was können Landwirte tun, um den Extremwetterlagen zu begegnen?

Ideen und Anregungen aus der Praxis sind vielfältig. In der Kurzfristperspektive reichen sie vom regelmäßigen Ausblasen der Kühler bei Erntemaschinen über Güllefässer mit Wasser und Traktoren mit Grubbern am Feldrand als möglichen Löschhilfen oder der Beimengung von Stroh in die Grundfutterration bis zur unkomplizierten Futterhilfe an besonders knapp versorgte Nachbarbetriebe.

Darüber hinaus stellt sich aber die Frage, welche Anpassungen in den kommenden Jahren möglich und nötig werden, um dem zunehmenden Auftreten von Witterungsextremen zu begegnen. Ein Beitrag von agrarheute (4) benennt eine Reihe unterschiedlicher Empfehlungen.
Dazu gehört etwa die Wahl robusterer Kulturen und Sorten, die sowohl Hitze- und Kälteperioden als auch trockene Phasen besser überstehen, die Anpassung der Bestandesdichten zur Vermeidung der Wasserkonkurrenz, eine stärkere Anbaudiversifizierung, ein angemessenes Verhältnis von Winterungen zu Sommerungen mit langer Vegetationszeit, Verfahren der konservierenden Bodenbearbeitung, mit denen die Infiltration des Regenwassers und das Wasserspeichervermögen des Bodens erhöht werden können, sowie Maßnahmen der Flurgestaltung wie etwa die Anlage von Windschutzpflanzungen oder Binnengräben.

Und noch ein Trend beschäftigt Züchter, Landwirte, Berater sowie Pflanzenschutzindustrie und braucht neue Strategien: In dem Maß, in dem die Winter insgesamt milder werden, steigt auch die Gefahr, dass Viren und Pilze sich stärker ausbreiten und bis zum Totalausfall von Kulturen führen können. Da ist es nun wirklich kein Trost, dass gleichzeitig auch die Gefahr von Kahlfrösten wächst …

Was bleibt?

Vertrauen in die Arbeit der Züchter, Überdenken der Strategien zur Risikostreuung und -minimierung auf dem eigenen Betrieb, und vielleicht auch neue Versicherungsmodelle, die das Risiko auf mehrere und auch breitere Schultern verteilen. Die Landwirtschaft ist zweifellos entsprechenden „Gehirnschmalz“ wert!

 

(1) https://www.thuenen.de/media/publikationen/thuenen-report/Thuenen_Report_30.pdf
(2) https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Knochentrocken-Miese-Ernte-Braende-Angst,trockenheit220.html
(3) https://www.agrarheute.com/management/betriebsfuehrung/futterknappheit-duerfen-landwirte-ab-vorrangflaechen-maehen-546088?utm_campaign=ah-newsalarm&utm_source=agrarheute&utm_medium=newsletter&utm_term=2018-07-17
(4) https://www.agrarheute.com/pflanze/extremwetter-so-koennen-landwirt-reagieren-546607

Autor Dr. Andreas Frangenberg
2018 27. Juli